„Man muss sagen können: Das war’s“

von Redaktion

Sebastian Vettel über zeitlose Werte, die Schwierigkeiten mit Ferrari und sein Karriere-Ende

Abu Dhabi – Abschalten, Auszeit nehmen. Sebastian Vettel braucht auch das Leben außerhalb der Formel 1, in der er mit vier WM-Titeln zu den erfolgreichsten Piloten der Geschichte zählt. Im Interview spricht der 32-Jährige über die Vergänglichkeit von Ruhm und Erfolg, über modernen Zeitgeist, Zeitverschwendung, seine fünf Jahre bei Ferrari und eine Zeit danach.

Wie vergänglich sind Ruhm und Erfolg?

In einer Welt, in der alles so schnelllebig ist wie heutzutage, vergeht beides auch sehr schnell.

Ist diese Schnelllebigkeit für Sie Gräuel oder Genuss?

Ein Genuss einerseits, weil es in dem, was ich mache, darum geht, schnell zu fahren. Außerhalb des Autos ist es eher ein Gräuel. Es gibt viele Dinge, hinter denen ich nicht stehe. Ich kann mich zum Beispiel nicht damit nicht anfreunden, wenn so schnell Urteile gefällt oder Dinge so schnell vergessen werden.

Wie wichtig sind Auszeiten?

Sie sind sehr wichtig und werden immer wichtiger für mich. Ich denke, dass sich jeder dabei selbst ertappen kann, dass mit der Zeit, auch wenn alles immer einfacher und effizienter wird, man weniger Zeit für sich hat. Deswegen ist wichtig, für Auszeiten zu kämpfen.

Wie sehen Auszeiten bei Ihnen aus? Muss das ein Tag oder kann das auch mal ein kurzer Moment sein?

Es geht weniger um die Zeit an sich, sondern um die Fähigkeit, sich in dem Moment oder in den Phasen wirklich von etwas abzukapseln. Einfach etwas anderes machen und rauszukommen aus dem Rad, in dem man sich normalerweise dreht.

Im Duden heißt es zum Begriff Zeitgeist: Für eine bestimmte geschichtliche Zeit charakteristische allgemeine Gesinnung, geistige Haltung. Wie würden Sie den Zeitgeist ihrer Generation oder den Zeitgeist heute beschreiben?

Meine Generation ist ja schon eine vor dem Zeitgeist von heute. Es ist eher die Millenniumsgeneration. Generell stellt sich Frage: Was beeinflusst diese Generation? Medien, soziale Netzwerke, Konsum in vielerlei Hinsicht. Ich glaube, dass wir einen Punkt erreicht haben, der nicht mehr für alle gesund ist und nicht mehr zu unserem Wesen passt. Ich halte es nicht für gesund und auch nicht erstrebenswert. Die ständige Reizüberflutung macht einen nicht glücklich. Das Tempo, das wir alle gehen, ist extrem hoch. Ich glaube, dass wir für dieses Tempo nicht gemacht sind. Wir haben auch nur einen Planeten, das heißt eine Charge an Ressourcen, die man aufbrauchen kann. Irgendwann ist Stopp.

Welche Werte sind für Sie zeitlos?

Respekt, Ehrlichkeit, Anstand, Empathie. Wir werden immer miteinander zu tun haben als Menschen, egal in welcher Umgebung. Im Alltag, im Beruf.

Sie sind jetzt rund zwölf Jahre dabei: Sind das Werte, die in der Formel 1 abgenommen haben, gleich geblieben sind oder sich verstärkt haben?

Das ist schwer zu sagen. Einerseits ist auch die Formel 1 ein Spiegel der Gesellschaft. Andererseits kann man das über jede Sportart sagen. Zugenommen? Ich glaube nicht. Abgenommen? Ich weiß es nicht. Wenn ich ganz ehrlich bin, ist meine Wahrnehmung anders: Ich habe vor zehn Jahren als Anfang Zwanzigjähriger viele Dinge nicht so wahrgenommen wie heute. Die eigene Wahrnehmung hat sich mehr verändert als das Umfeld.

Wofür wird es bei Ihnen höchste Zeit?

Mit Ferrari zu gewinnen.

Was sind fünf Ferrari-Jahre in Menschenjahren?

Dafür bin ich jetzt noch zu jung, dass ich das abschließend beurteilen kann und zu tief drin. Wenn jemand mit Leidenschaft seinen Beruf verfolgt, sind das genauso fünf Jahre wie bei mir. Ich habe jedenfalls nicht das Gefühl, dass mir fünf Jahre geraubt wurden. Im Gegenteil: Ich bin sehr dankbar und ich habe sehr viel dazugelernt in den vergangenen fünf Jahren. Wir sind als Team gereift. Ich hoffe nur – dass es nicht noch fünf Jahre dauert, bis wir ernten können.

Mick Schumacher hat jüngst gesagt, dass Sie für ihn das seien, was sein Vater Michael (50) für Sie war. Machen solche Aussagen auch noch mal bewusst, dass man sich in einer etwas vorgerückten Etappe der Karriere befindet?

Ja, aber ich glaube, dass ich das ohnehin weiß. Es ist aber natürlich auch schön, so etwas von Mick zu hören. Ich bin jetzt zwölf Jahre in der Formel 1 und habe daher einen ganz anderen Erfahrungsschatz als früher. Man bewertet Dinge mit ein bisschen mehr Abstand und fällt nicht so schnell ein Urteil. Es ist der Luxus, den man hat, wenn man ein paar Jahre auf dem Buckel hat.

Was ist Zeitverschwendung für Sie?

In erster Linie etwas zu machen, von dem man nicht überzeugt ist und hinter dem man nicht steht. Zweitens, und das klingt jetzt vielleicht ein bisschen hart: Sich mit Menschen zu umgeben, die eine ganz andere Einstellung haben zum Leben. Und Fliegen, Fliegen ist auch Zeitverschwendung.

Ist Rennfahren ohne Siegen auch Zeitverschwendung?

Es kommt immer auf die Situation an. Wenn man beispielsweise als Team siegen kann und nicht siegt, dann vielleicht ja. Dann kann man mit Sicherheit etwas besser machen.

Gab es schon einen Zeitpunkt, an dem Sie über ein vorzeitiges Karriereende nachgedacht haben?

Noch nicht konkret. Und ich habe auch nicht vor, in absehbarer Zeit zurückzutreten, mir macht das Rennfahren sehr viel Spaß. Ich glaube aber, dass es normal ist, dass man zu einem Zeitpunkt in der Karriere wie bei mir nun nach zwölf Jahren, gedanklich auch mal versucht vorzuspulen und sich überlegt, was danach kommen kann. Ich finde es nicht gut, wenn man mit etwas aufhört, das so lebensbestimmend war und dann keinen Plan hat, wie es weitergehen soll. Ob der Plan auch der ist, den man umsetzt, ist eine andere Sache.

In welche Richtung gehen denn ihre Plan- und Gedankenspiele für eine Zeit nach der Formel-1-Karriere?

Ich habe viele Ideen im Moment, manches hat etwas mit dem Rennfahren zu tun, was ja auch naheliegt. Es wäre der leichte Weg: Hier kenne ich mich aus, das ist meine Umgebung, hier kenne ich Leute, und hier kann ich relativ schnell etwas entwickeln und bewegen. Es sind aber auch Dinge dabei, die gar nichts mit dem Rennfahren zu tun haben. Dinge, die man über Jahre schon nachverfolgt und für die man dann mehr Zeit hätte.

Was wäre der perfekte Zeitpunkt für ein Karriereende?

Wenn man selbst und für sich alleine bestimmen kann: Ich höre auf. Dazu zählt mit Sicherheit auch, dass man sich wohlfühlt mit der eigenen Entscheidung und sagen kann: Jetzt war es genug für mich. Nicht perfekt ist der Zeitpunkt, wenn er von außen diktiert wird. Der beste Indikator ist, wenn es Sportler schaffen abzutreten und sie allen in guter Erinnerung bleiben. Wenn ich aufhöre, dann höre ich auf und komme nicht mehr zurück. Man muss einfach glücklich sein und sagen können: Das war’s.

Interview: Jens Marx

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