Belgrad – Man sagt über diesen langen Weg zwischen Kabine und Spielfeld des Stadions Rajko Mitic von Belgrad, dass er das Aufwärmprogramm ersetzen kann. Er macht zahlreiche Knicks, mal links, mal rechts, und führt durch einen nicht endenden langen Tunnel auf das Grün dieses Hexenkessels. 50 Meter Luftlinie, ausgedehnt auf 250 Meter Strecke. Die Spieler vor Roter Stern waren gestern Abend also definitiv erwärmt und bereit für dieses Gruppenspiel in der Champions League gegen den FC Bayern, und nahmen dennoch kaum Teil. Sie hatten der Bayern-Dominanz – und dem überragenden Robert Lewandowski – nichts entgegenzusetzen.
Die Gäste gewannen nach Treffern von Leon Goretzka (14.), einem Viererpack von Lewandowski (53./60./64./67.) und dem Last-Minute-Tor von Corentin Tolisso (89.) mit 6:0 (1:0). „Das Wichtigste ist, dass wir stark gespielt haben. Defensiv wie offensiv. Wir haben Spaß“, sagte Lewandowski und fügte bescheiden hinzu: „Ich freue mich auch, wenn ich nicht treffe und wir gewinnen.“ Der Erfolg war hochverdient, souverän, so wie man es unter Hansi Flick gewohnt ist. Obwohl der (Interims-)Trainer auf Thomas Müller, Joshua Kimmich, Serge Gnabry und den werdenden Vater David Alaba verzichtete, knüpfte sein Team nahtlos dort an, wo es beim 4:0 in Düsseldorf aufgehört hatte. So wird man Gruppensieger – und kann sich schon vor der Partie gegen Tottenham aufs Achtelfinale freuen.
Ein Sieg am 11. Dezember hätte dennoch historischen Charakter: Noch nie gewann eine deutsche Mannschaft alle sechs Gruppenspiele der Vorrunde. Im Moment wirkt es tatsächlich so, als seien diese Bayern unter diesem Coach kaum zu schlagen. Nichts, aber auch wirklich gar nichts erinnert mehr an die Mannschaft, die unter Niko Kovac in einer handfesten Sinnkrise steckte. Flick nahm gestern Abend in Serbiens Hauptstadt auch die letzte Hürde, die ein Bayern-Trainer nehmen muss. Er integrierte zuletzt unzufriedene Reservisten wie Thiago und (erneut) Coutinho, jeder fühlt sich gebraucht. Jerome Boateng, der anstelle von Alaba neben Javi Martinez verteidigte und ein paar feine Pässe spielte. Thiago, der Dauerbrenner Kimmich ersetzte. Und auch Kingsley Coman, der für Serge Gnabry über den Flügel kam.
Zentral. vor dem starken Sechser Thiago, spielte neben Corentin Tolisso Goretzka, der allein in den ersten 15 Minuten so viele starke Aktionen hatte, wie die gesamte Belgrader Elf nicht im ganzen Spiel. Ein Zuckerpass auf Lewandowski hätte fast schon in der 7. Minute zur Führung gereicht, der Pole aber vergab – seine Zeit sollte noch kommen. Goretzka nahm das Ganze nach einer beeindruckenden knappen Viertelstunde der Flick-Bayern dann selbst in die Hand und traf nach einer Flanke von Coutinho per Kopf aus gut elf Metern. Zehn Ecken hatten die Bayern in Halbzeit eins, auch Coutinho per Freistoß (20.) und Lewandowski (41.) waren nah dran. Der Treffer des Polen wurde wegen eines Handspiels von Tolisso nach Videobeweis aberkannt.
Die Bayern hatten sich etwas gebremst, nach der Pause wollte auch Belgrad mitspielen. Aber: Dann kam Lewandowski. Das 2:0 fiel zum richtigen Zeitpunkt, per Elfmeter nach einem Handspiel des Ex-Löwen Milos Degenek. Sieben Minuten später flankte Coutinho von rechts in die Mitte, wo Tolisso Richtung Fünfmeterraum köpfte. Dort stand Lewandowski blank, Keeper Borjan war machtlos. Genau wie vier Minuten später, als Lewandowski dem Kollegen Benjamin Pavard danke sagte. Und genau wie weitere drei Minuten später, als er nach Doppelpass mit Ivan Perisic traf. Es war der schnellste Viererpack der Champions League-Geschichte. Vier Tore in 14 Minuten – den langen Weg zurück zur Kabine genoss er, mit breiter Brust. Genau wie alle Bayern, vor allem Last-Minute-Torschütze Tolisso.