Dortmund – Als Lucien Favre nach einem Durchstart-Manöver am Donnerstagnachmittag aus dem Flieger stieg, hatte der angezählte Trainer von Borussia Dortmund neben der bangen Zukunftsfrage ein weiteres Problem im Gepäck. Jungstar Jadon Sancho ist offensichtlich wieder über die Stränge geschlagen und vergrößerte damit Favres Sorgen vor dessen „Job-Endspiel“ bei Hertha BSC morgen (15.30 Uhr/Sky).
Sancho soll vor der 1:3-Niederlage in der Champions League beim FC Barcelona laut übereinstimmenden Medienberichten das Frühstück und das Anschwitzen verpasst haben, zur Teambesprechung sei er verspätet erschienen. Nicht unwahrscheinlich, dass Favre den 19-Jährigen deshalb eine Halbzeit auf der Bank schmoren ließ. Die andauernden Disziplinlosigkeiten des englischen Nationalspielers kommen zur Unzeit – der Druck auf Favre ist ohnehin schon riesig. Dabei versuchte der Schweizer Lockerheit zu demonstrieren. Nach der leicht verspäteten Landung aufgrund des Manövers wegen starker Winde gab der Schweizer den wartenden Fans Autogramme und posierte für Fotos.
Kämpferisch hatte er sich bereits direkt nach der Niederlage gezeigt. Es sei zwar eine sehr schwierige Phase, betonte Favre, aber „ich bin überzeugt davon, dass wir es schaffen. Ich habe Vertrauen.“ Das Vertrauen der BVB-Verantwortlichen in Favre schwindet allerdings. Vor dem Spiel bei der Hertha mit dem neuen Coach Jürgen Klinsmann erhöhten sie den Druck. Nur ein Sieg kann wohl Favres Aus beim achtmaligen deutschen Meister noch verhindern. „Da wollen wir die Trendwende und den Anschluss an die oberen Plätze schaffen“, sagte Sportdirektor Michael Zorc. Lizenzspielerchef Sebastian Kehl stellte klar, dass „wir dringend in die Erfolgsspur zurück müssen“.
BVB-Boss Hans-Joachim Watzke hatte nach den peinlichen Auftritten in München (0:4) und gegen Paderborn (3:3) Ergebnisse gefordert. Die Dortmunder präsentierten sich bei der großen Show des überragenden Superstars Lionel Messi im Camp Nou nur phasenweise leicht verbessert. Ein Schritt aus der Krise sei dies daher nicht gewesen, so Zorc nach den Gegentoren durch Luis Suarez (29.), Messi (33.) und Antoine Griezmann (67.). Den Achtelfinaleinzug in der Königsklasse hat die Borussia nicht mehr in der eigenen Hand.
Die Gäste agierten lange Zeit zu mutlos, Favre hatte in Marco Reus und Julian Brandt nur zwei gelernte Offensivspieler in seiner Startformation aufgeboten. Beim Pressing mangelte es an der Abstimmung, zudem erlaubte sich der Vizemeister wie vor dem 0:2 in Person von Mats Hummels zu viele Fehler, die Barcelona vor allem durch Messi eiskalt bestrafte. Der Großteil der Spieler zeigte sich selbstkritisch. Für Torhüter Roman Bürki war die Leistung in der ersten und zu Beginn der zweiten Halbzeit „zu wenig“. Erst als Barca „ein paar Gänge zurückgeschaltet“ habe, „haben wir unsere Chancen gekriegt“. Die Einwechslung von Sancho wirkte sich dabei positiv aus, er bezwang Nationaltorhüter Marc-Andre ter Stegen mit einem sehenswerten Schuss in den Winkel (77.). „Wir brauchten elf Spieler, die fokussiert und bereit auf dem Platz sind“, begründete Favre seine Entscheidung gegen Sancho in der Startelf.
Doch wie viele Entscheidungen darf Favre noch treffen? „Ein Sieg ist Pflicht“, sagte Bürki mit Blick auf den Auftritt im Olympiastadion. Es ist Favres Endspiel. sid