München – Unter Hansi Flick verbreitet der FC Bayern endlich wieder Angst und Schrecken. Vorne ist der Rekordmeister plötzlich variabel wie zu alten Glanzzeiten, hinten steht seit mittlerweile vier Partien die Null. Die große Frage: Wie lautet Hansis Erfolgsrezept? Eine Taktikanalyse mit Experte Constantin Eckner (spielverlagerung.de).
Pressing: Flick hat eine alte Münchner Stärke wieder zum Leben erweckt: das aggressive Pressing. Eckner erklärt: „Die Bayern sind eine Mannschaft, die nach vorne verteidigen möchte. Unter Niko Kovac war das aber nicht der Fall. Da ging es mehr darum, die eigene Hälfte abzusichern und kompakt zu stehen.“ Hansi hat das System – ein 4-3-3 – auf den ersten Blick nicht groß verändert. Allerdings verhalten sich die Spieler ganz anders. Die Mittelfeldspieler rücken weiter nach vorne, stören den Spielaufbau des Gegners jetzt deutlich früher. Die Akteure auf den Flügeln zwingen ihren Kontrahenten den Pass- oder Laufweg ins Zentrum auf – und dort schnappt der FC Bayern zu. „So erzielen die Bayern schnellere Ballgewinne und der Weg zum gegnerischen Tor ist nicht mehr so weit“, sagt Eckner. Unter Flicks Vorgänger eroberte der Rekordmeister das Leder oft erst tief in der eigenen Hälfte, hatte dementsprechend einen weiten Weg zurückzulegen, bevor es gefährlich wurde. Der Taktik-Experte meint: „Das, was aktuell gespielt wird, ist nichts Neuartiges für den FC Bayern. Unter Jupp Heynckes sah es ähnlich aus. Ich glaube, dass Flick sich auch an Teams wie Liverpool orientiert. So etwas kann man analysieren und in gewisser Weise kopieren.“
Gegenpressing: Verliert der Flicksche FC Bayern im Vorwärtsgang den Ball, schalten die Spieler keinen Gang zurück, sondern gehen gleich voll drauf auf den Ballführenden. „Es gab eine Zeit bei Kovac, in der das nicht der Fall war – und deshalb wurde viel auf Sicherheit gespielt“, sagt Eckner. Denn: Haben die Spieler das Gefühl, dass sie nach einem Ballverlust erst wieder viele Meter zurücklaufen müssen, gehen sie auf Dauer weniger Risiko bei ihren Pässen ein. Eckner meint: „Das ist eine natürliche, unterbewusste Reaktion, die sich in einer Mannschaft entwickeln kann.“ Unter Flick ist das Vertrauen zurück, dass verlorene Bälle schnell wiedergewonnen werden. Dementsprechend gehen die Bayern risikoreicher vor – und das ist gerade in der Offensive oft der Schlüssel zum Erfolg.
Psychologie: „In den letzten zwei Jahren gab es den Trend, dass immer mehr Teams immer weniger Respekt vor der Offensivstärke des FC Bayern hatten“, sagt der Taktik-Experte. Damit könnte jetzt Schluss sein. Die zurückgekehrte Münchner Dominanz – am besten beim 4:0 gegen Borussia Dortmund zu beobachten – dürfte auf Dauer einen Einfluss auf die Spielweise der Gegner haben. Eckner meint: „Solange die Bayern es so spielen wie in den ersten vier Spielen unter Flick, gibt es kaum Mannschaften, die ein echtes Gegenmittel haben werden. Partien können nur dann knapp werden, wenn ein frühes Tor gegen Bayern fällt.“ Und diese Erkenntnis kann unterbewusst dafür sorgen, dass die Bundesligisten gegen den Rekordmeister wieder vorsichtiger verteidigen und sich nicht mehr trauen, in aller Ruhe von hinten herauszuspielen. Nur so, im Stil von Manchester City etwa, ist gegen Hansis Erfolgsrezept jedoch etwas auszurichten.
JONAS AUSTERMANN