München – Ob es für Leon Goretzka Glück oder Pech war, dass Robert Lewandowski ihm die Show gestohlen hat, kann man sich schon fragen. Der gemeine Fußballprofi mag es ja zumindest abseits des Rasens nicht allzu gerne, als Mann eines Spiels vor jeder Kamera und jedem Mikrofon Rede und Antwort stehen zu müssen. Nach dem 6:0 des FC Bayern in Belgrad war diese Rolle also dem polnischen Torjäger vorbehalten, während Goretzka nur einmal sprechen musste. Der 24-Jährige wurde vor allem zum großen Ganzen befragt, zur Dominanz und zum Super-Trainer Hansi Flick. Um ihn selbst ging es vergleichsweise wenig. Dabei hatte er eine überragende Partie gemacht.
Es waren am Mittwoch ja noch keine 15 Minuten gespielt, da war Goretzka schon einmal gefühlt überall gewesen. Er hatte einen Zuckerpass auf Lewandowski gespielt, der beinahe zum 1:0 führte. Er hatte ein Kopfballtor erzielt und fast auch noch aus der Distanz getroffen. Wäre dieses Spiel normal verlaufen, mit ein, zwei, drei weiteren Torschützen, wäre Goretzkas Leistung hervorgehoben worden, anstatt nahezu unterzugehen. So aber wurde Lewandowskis Sternstunde (vollkommen zu Recht) hoch und runter gewürdigt – während Goretzka sich im Schatten des Über-Bayern in jene Form bringt, in der man ihm zutrauen kann, in seinem zweiten Jahr in München eine prägende Rolle einzunehmen.
Nicht, dass seine erste Saison in München kein guter Einstand gewesen wäre. Sie war aber begleitet vom Laster, das der Karriere des so hochbegabten „Bochumer Jung“ schon immer anhaftet. Seine Krankenakte ist geprägt von Kinkerlitzchen, Dingen wie „muskulären Problemen“ und „Prellungen“. Aber auch die können sich läppern. 98 Tage hat er seit seinem Wechsel von Schalke in Diensten des FC Bayern schon pausieren müssen, verteilt war diese Ausfallzeit auf zehn verschiedene Verletzungspausen. Zuletzt sah Goretzka bis Mitte Oktober wegen einer Sprunggelenksverletzung zu – seitdem aber geht es rapide bergauf.
Als der Offensiv-Allrounder im Sommer nach seinen Zielen für das zweite Bayern-Jahr gefragt wurde, sagte er: „Ich möchte den nächsten Schritt machen.“ Konkret heiße das: „Ich möchte auch zu den großen Spielen, wie zum Beispiel gegen den FC Liverpool, fit sein und auf dem Platz stehen.“ Wenn an diesem Samstag Bayer Leverkusen gastiert und es kommende Woche beim Tabellenführer in Mönchengladbach um Punkte und Prestige geht, dürfte Goretzka gesetzt sein. Hansi Flick schätzt seine Flexibilität, plant ihn aber fest als einen der beiden Achter vor Joshua Kimmich ein. In Belgrad stand Corentin Tolisso neben ihm, morgen dürfte Thomas Müller zurückkehren. Für Goretzka funktioniert es mit beiden sehr gut.
Wenn nichts zwickt, läuft es bei ihm, er spricht daher auch offen vom „Glück“, das er mit Blick auf seinen anfälligen Körper benötige, um dauerhaft erste Wahl zu sein. Joachim Löw sagte jüngst: „Solange Leon gesund ist, wird er mit Sicherheit immer zum Stammpersonal gehören – egal wer bei Bayern spielt.“ Im Moment sieht es so aus, als könne Goretzka über die Leistungen im Verein auf EM-Niveau kommen. Beeindruckend war sein Auftritt auch jüngst im Nationaltrikot, wo er gegen Nordirland gleich zwei Mal traf und sich zum zweitbesten DFB-Torschützen der EM-Quali machte. Fünf Mal hat er eingenetzt, besser war nur Serge Gnabry mit neun Toren.
Goretzkas Münchner Vereinskollege traf gegen Nordirland übrigens gleich drei Mal. Da hatte ihm wieder einer die Show gestohlen. Goretzka nahm das hin, na klar. Es gibt in dieser Branche wenig derart unaufgeregte Profis wie ihn. Herrlich sympathisch.