Abu Dhabi – Sebastian Vettel wird wohl müde sein und ein bisschen gehetzt, wenn er in Abu Dhabi in seinen Ferrari steigt – aber auch so glücklich wie selten in diesem Jahr. Und das hat rein gar nichts mit der Formel 1 zu tun. Vettel ist Vater geworden, zum dritten Mal, und kurz vor dem Finale einer verkorksten Saison steht mal nicht der Sport im Vordergrund.
Als das letzte Rennwochenende des Jahres gestern langsam Fahrt aufnahm, fehlte der 32-Jährige überraschend. Die Pressekonferenz auf der Yas-Insel fand ohne Vettel statt, er war in seiner Schweizer Wahlheimat geblieben: Bei seinem ersten Sohn, der am Mittwoch zur Welt gekommen war, bei Ehefrau Hanna und den beiden Töchtern (4 und 5 Jahre).
Vettel reiste verspätet an, am heutigen Freitag (10.00 Uhr MEZ/Sky) will er aber pünktlich im Auto sitzen, um doch noch Schwung zu holen für das Rennen am Sonntag (14.10 Uhr/RTL und Sky). Ein letztes Mal muss er sich in diesem Jahr dann einem Thema stellen, das diese Saison geprägt hat: dem Teamduell mit Charles Leclerc.
Und das eskalierte zuletzt derart, dass die 2019 ohnehin mal wieder schwer geschlagenen Ferraris sich dem Ende des Jahres nur noch entgegenschleppen. Denn der Crash der beiden in Brasilien hatte sichtbar gemacht, was spätestens seit der Sommerpause unter der Oberfläche gärte: Beide Piloten haben den Anspruch auf den Nummer-1-Status im Team, und keiner will zurückstecken.
Es gebe „kein Drama“, Vettel und Leclerc kämen grundsätzlich gut miteinander aus, beteuerte Ferrari-Teamchef Mattia Binotto zuletzt zwar. Doch zweifellos ist die interne Rivalität einer der Gründe, weshalb die Scuderia erneut chancenlos gegen Lewis Hamilton und die Silberpfeile war. Der Engländer ist wieder Weltmeister, Platz zwei geht an seinen Teamkollegen Valtteri Bottas. Sogar Gesamtrang drei ist recht wahrscheinlich an Red-Bull-Star Max Verstappen vergeben. Und was man bei Ferrari im Sinne der Deeskalation nicht so recht aussprechen mag, ist für Außenstehende ziemlich klar: Der Verlierer des Kampfes um die Hierarchie ist das Team.
„Wenn Ferrari die Dominanz von Mercedes wirklich beenden will, dann genügt ein starkes Auto nicht“, sagt Ross Brawn, lange Jahre Ferraris Technischer Direktor und heute Sportchef der Formel 1: „Dann dürfen sich solche Situationen nicht wiederholen. Formel 1 ist ein Teamsport.“ Und wer wäre die ideale Nummer eins? Der Trend spricht eindeutig für Leclerc. Seit der Sommerpause holte der 22-Jährige fast 50 WM-Punkte mehr als Vettel. Und dessen Chancen, den Rivalen in Abu Dhabi noch von WM-Rang vier zu verdrängen, sind eher theoretischer Natur: Vettel bräuchte einen Sieg und Schützenhilfe.
Allerdings wirkt eine klare Rangordnung bei Ferrari in der aktuellen Besetzung ohnehin nicht wie eine echte Option. Zu groß sind die Ansprüche des viermaligen Weltmeisters Vettel, zu groß sind das Talent und der Ehrgeiz Leclercs. Und so dürfte die Scuderia diese Herausforderung mit ins neue Jahr nehmen, auch 2020 könnte viel Frust bereithalten. sid