Trainerduell Klinsmann – Favre

Showbühne gegen Kammerspiel

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Hertha BSC war furchtbar voreilig. Die alte Dame hat die Bundesliga einer möglichen skurrilen Besonderheit beraubt. Denn es hätte am Samstag ja auch so kommen können: Berlin, noch trainiert von Ante Covic, und Dortmund trennen sich mit einem derart schmucklosen 0:0, dass beide Seiten zu ihrem Coach sagen „Sorry, das war’s“. Ein Spiel, das den einen wie den anderen Trainer den Job kostet – das hatte die Bundesliga, die ja stramm auf die 60 Jahre zugeht, noch nicht erlebt. Hertha hat es dann verhindert, weil Jürgen Klinsmann mit einem kompletten Mitarbeiter-Team ante portas stand und am Mittwoch die Post-Ante-Zeit einleitete – am Samstag kann es also nur einen erwischen, Lucien Favre, den Dortmunder. Der BVB beließ ihn nach dem 1:3 in Barcelona noch im Amt. Oder hatte bei dem Aufwand einer Champions-League-Reise schlicht nicht die Zeit, eine Entlassung und Neubesetzung auf den Weg zu bringen.

Grundsätzlich scheint über Favre das Urteil aber gesprochen. Seitens der Fans, seitens des Top-Entscheiders Aki Watzke, der zur unpassenden Zeit seine unsterbliche Jürgen-Klopp-Liebe thematisiert hat, und auch seitens der Mannschaft, die ihre guten Momente immer dann hat, wenn sie die Sache selbst in die Hand nimmt und aus dem System, das der Trainer vorgibt, ausbricht. Was für eine Trennung aber immer noch benötigt wird, ist der ultimative Anlass. Im Fall Favre wäre dies die Niederlage gegen eine Berliner Mannschaft, die einen Trainer draußen stehen hat, der Begeisterung lebt, der antreibt, mitleidet, großes Gefühlsschauspiel bietet und damit den Kontrast zu Lucien Favre, dessen Bühnenpräsenz für nicht mehr reicht als ein Kammerspiel.

Doch was, wenn Favre gewinnt? Er Hertha taktisch auseinandernimmt, die von Klinsmann losgetretenen Angriffswellen ins Leere laufen lässt oder seine Spieler eine besondere Motivation verspüren, dem Herrn aus Kalifornien das erste Spiel zu versauen und sich reinknallen wie seit Monaten nicht. Dann müsste Lucien Favre natürlich bleiben. Ganz Dortmund würde freilich umgehend das nächste Spiel fürchten: zu Hause gegen Fortuna Düsseldorf, gegen den Fuchs Friedhelm Funkel; das riecht nach 0:3-Rückstand und aufgebrachter „Süd“ wie neulich gegen Paderborn. Anzunehmen, dass die BVB-Führung den Neuanfang lieber nach dem 13. als dem 14. Spieltag hätte. Und bereit wäre, ein Klinsi-Fest über sich ergehen zu lassen.

Guenter.Klein@ovb.net

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