Istanbul/München – Als Shane Larkin sich ein letztes Mal den Ball schnappte, ein letztes Mal über die Mittellinie dribbelte, ein letztes Mal auf seinen Verteidiger zulief und dann noch ein letztes Mal einfach über ihn warf, da wusste wirklich jeder im Sinan Erdem Dome in Istanbul, was nun passieren wird. Die Fans, die vor ihren Sitzen standen und brüllten, die bemitleidenswerten Spieler des FC Bayern, denen die Körperspannung zu dem Zeitpunkt verständlicherweise schon fehlte, die ungläubigen Spieler von Anadolu Efes Istanbul, die einfach nur zuschauten und natürlich Larkin selbst, der da ganz einfach stand mit seinen wuscheligen schwarzen Haaren und schaute, wie ein Basketballer eben schaut, der weiß, dass er nicht daneben werfen kann.
Sein letzter Wurf ging dann auch nicht daneben. Er flog, 18 Sekunden vor dem Ende, über den ausgestreckten Arm von Diego Flaccadori hinweg und in hohem Bogen in den Ring hinein. Es war der zehnte Dreipunktewurf, den er an diesem Freitagabend traf, ein Euroleague-Rekord, allerdings der unbedeutenderere, den er erreichte. Denn als der Ball in jenem Moment durch den Istanbuler Ring fluschte, stand fest, dass Shane Larkin aus den USA, 27 Jahre alt, 1,80 Meter groß, Point Guard von Anadolu Efes Istanbul, 49 Punkte erzielt hatte – so viele wie noch nie Spieler zuvor in einer einzelnen Euroleague-Partie. Und hinterher betrachtet, hätte man das bereits nach dem ersten Wurf des Spiels ahnen können.
Der Rausch seines Lebens endete für Larkin 18 Sekunden vor der Schlusssirene und fing schon 13 Sekunden nach dem Tipoff an. Im ersten Angriff kurvte Larkin um Tibor Pleiß, seinen deutschen Mitspieler, bremste ab, warf und traf. Das war also der Anfang eines Abends, der für den FC Bayern mit einer 75:104-Niederlage, für Anadolu Efes Istanbul jedoch und irgendwie auch für den gesamten europäischen Basketball mit einem großen Sieg endete. „Wir haben perfekt gespielt, Shane war unglaublich“, sagte Ergin Ataman, der Istanbuler Trainer und er ließ sich dann im Glückstaumel zu dieser Aussage hinreißen: „So wie wir heute gespielt haben, wären wir auch ein Kandidat für die NBA-Meisterschaft.“
Naja, das sollte man schon anzweifeln – und nichts dient dazu besser als die Geschichte des Hauptdarstellers Shane Larkin. In der NBA hat es der Spielmacher nämlich immer wieder probiert, bei den Dallas Mavericks, den New York Knicks und auch den Boston Celtics. Doch ein Spieler, der auf höchstem Niveau den Unterschied macht, ist er erst in Europa geworden. In diesem März hatte er gegen Barcelona schon 37 Punkte gesammelt, als Ataman ihn vorzeitig auswechselte. Am Freitag durfte er aber weitermachen. Und so kam es, dass Larkin in genau 31 Minuten zehn Dreipunkte-, fünf Zweipunkte- plus neun Freiwürfe verwandelte und ganz nebenbei noch fünf direkte Vorlagen verteilte. Es passte dann auch gut zu seinem fantastischen Auftritt, dass er selbst am allerschönsten beschrieb, wie sich dieses Spiel anfühlte: „Es war ein Abend, an dem der Ring für mich wie ein Ozean aussah.“
Hatten die Bayern also einfach Pech, so einen Abend erwischt zu haben? Es war in Istanbul mal wieder zu sehen, wie sehr ihnen der verletzte Nihad Djedovic fehlt. Denn der leistet nicht nur in der Offensive einiges, sondern verteidigt oft auch den besten Guard des Gegners. Maodo Lo und DeMarcus Nelson, der immerhin im Angriff gute Szenen hatte (Topscorer war Vladimir Lucic mit 18 Punkten), waren Larkin nicht gewachsen. Und so verließen sie den Sinan Erdem Dome wenigstens mit der Erkenntnis, bis Mitte Februar nicht mehr gegen diesen Shane Larkin antreten zu müssen.