ZWISCHENTÖNE

Körper, die verkümmern

von Redaktion

Das kam jetzt aber mal überraschend. Allerdings wohl nur für unsere Bildungspolitiker, die sich seit Jahren den Kopf darüber zerbrechen, wie die Schule immer weiter digitalisiert werden könne. Die Kids sollen ja nicht als digitale Krüppel in eine Welt entlassen werden, die sich mehr und mehr ins Cyberspace verlagert. Wobei der politische Eifer schon ein wenig absurd wirkt, da sich unsere „digital natives“ im Netz ohnehin meist schon sicherer bewegen als wir Erwachsenen, zu denen ja auch Politiker zu zählen sind (selbst wenn sie manchmal, wie die für Digitales zuständigen Minister Bär und Scheuer, ziemlich kindisch rüberkommen).

Dumm nur, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO nun wieder mal auf ganz andere Defizite aufmerksam gemacht hat. Und die sind so erschreckend wie analog, für Sportwissenschaftler aber nur eine neuerliche Bestätigung ihrer Warnungen, die jahrzehntelang in den Wind geblasen wurden. 81 Prozent der Jugendlichen von elf bis 17 sind zu wenig körperlich aktiv. Und besonders schlecht schneiden dabei, das die eigentliche Überraschung, die Deutschen ab, abgehängt sogar von den hochdigitalisierten USA. Dort nämlich sind immerhin 36 Prozent aller Boys und 28 Prozent aller Girls täglich mindestens eine Stunde körperlich aktiv, was in Deutschland gerade mal 20 (Buben) und zwölf (Mädchen) Prozent schaffen.

Zu befürchten ist nun also, dass wir zwar bald junge Leute bekommen, die sich wunderbar in virtuellen Räumen bewegen, aber eben nur noch dort. Und emotional wie körperlich verkümmern. Kann man jetzt natürlich die Frage stellen, was der Mensch der Zukunft überhaupt noch brauchen wird außer virtueller Virtuosität. Wenig, könnte man glauben, so man der Politik folgt. In der Schule geht es zunehmend um Wissensvermittlung, weniger um Persönlichkeitsbildung. Sport und andere musische Fächer gelten, wenn gekürzt werden muss, als durchaus verzichtbar, es fehlt vielen Schulen an Hallen, Geräten, Schwimmbädern und Fachlehrern für Sport. Und wenn wir uns dann die künftige Welt unserer Kinder vorstellen, spüren wir so etwas wie Kälte, menschliche Kälte.

Nun hätte der Sport durchaus die Kraft, Dinge, die wir heute noch als Werte schätzen und leben, an spätere Generationen zu vermitteln, Teamgeist, Fairness, Selbstbewusstsein, Sozialisation. Was fehlt, ist eine bessere Unterstützung durch Gesellschaft und Politik. Die sportliche Infrastruktur ist so veraltet wie die aussterbende Spezies an Ehrenamtlern. Anreize, auch finanzieller Art, werden kaum geschaffen. Am ehesten, weil prestigeträchtig, ist noch die Unterstützung für den Spitzensport, was aber bald nicht mehr nötig sein wird, weil sich der Sport zunehmend in den virtuellen Raum verlagert und dort, weil sehr profitabel, von der Industrie gesponsert wird.

Düstere Aussichten, wenn wir uns die Folgen des WHO-Berichts ausmalen. Fast zeitgleich kam nun eine Studie der DAK, nach der jedes vierte Schulkind psychische Probleme hat. Was nun nicht direkt mit mangelnder Bewegung zu tun haben muss, aber mit einem Lebensalltag, der Kinder nicht mehr Kind sein lässt. Der Tag ist durchgetaktet, oft fehlt Geborgenheit, auch das (analoge) Spiel mit Freunden. Und dass übermäßige Beschäftigung mit digitalen Medien depressiv machen kann, ist schon belegt.

Was machen wir nur mit unseren Kindern? Ja, wir müssen ihnen selbstverständlich helfen auf ihrem Weg in eine digitale Zukunft, ihnen aber auch einen Ausgleich schaffen, mit Kunst und Musik, mit attraktiven Bewegungsangeboten. In den USA übrigens gibt es an Schulen verpflichtend die tägliche Sportstunde. Davon ist Deutschland weit entfernt. Weil die Bildungspolitiker vor lauter Angst, digital abgehängt zu werden, schlicht vergessen, was den Menschen wirklich ausmacht.

Von Reinhard Hübner

Ein WHO-Bericht lässt befürchten: Junge Leute können sich wunderbar in virtuellen Räumen bewegen, aber eben nur noch dort.

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