München – Die Aussagen wirkten vertraut: „Wir haben eine gute Leistung gezeigt, den Gegner dominiert, uns viele Chancen erspielt. Nur im Abschluss hatten wir viel Pech.“ So klangen die Bayern-Statements nach den Spielen gegen Hoffenheim, Augsburg oder Hertha. So klangen nun auch die Statements nach der 1:2-Pleite gegen Bayer Leverkusen. Mit dem Unterschied: Diesmal entsprachen sie der Wahrheit.
Viel können sich die Bayern-Stars nach ihrem Auftritt im Spitzenspiel gegen die Rheinländer nicht vorwerfen lassen. Die Chancenverwertung – keine Frage – hätte kaum schlechter sein können. Bei drei Aluminium-Treffern und rund einem halben Dutzend an Großchancen benötigt man keine Trainerlizenz für eine solche Diagnose. Vordergründig gab es allerdings nicht viel mehr zu nörgeln.
Auch Karl-Heinz-Rummenigge zeigte sich nach einer Nacht Schlaf äußert gnädig mit den Verlierern: „Das Tor war einfach vernagelt. Wir hatten uns ja wahnsinnig viele Chancen herausgespielt. Normalerweise gewinnst Du das Spiel“, sagte der Vorstandsvorsitzende am Rande des FC Bayern Digital Campus. Und eine Person spricht er sogar von jeglicher Kritik frei – Trainer Hansi Flick: „Das Wichtigste ist die Spielqualität, der Matchplan. Und das stimmt bei Hansi Flick. Wir sind mit ihm sehr zufrieden, er macht es gut. Da ist viel Empathie zu spüren und auch eben ein klarer Matchplan. Und deshalb kann ich nur sagen, wir sind mit seinem Job, so wie er ihn interpretiert, sehr zufrieden“, lobt der Bayern-Boss. Sätze, auf die Niko Kovac während seiner gesamten Amtszeit vergeblich gewartet hat. Selbst nach großen Siegen vermied es Rummenigge, Kovac öffentlich den Rücken zu stärken. Flick bekommt Vorstandsstreicheleinheiten sogar nach einer Niederlage.
Der Bis-Weihnachten-Trainer darf sogar hoffen, auch 2020 als Bayern-Coach in das Jahr zu starten. „Mit Flick haben wir einen Trainer, der gut zur Mannschaft passt. Wir haben verabredet, dass wir uns nach dem letzten Spiel zusammensetzen, uns besprechen und möglicherweise über den Winter hinaus mit ihm weitermachen.“
Den Auftritt der Flick-Mannschaft gegen Bayer bezeichnete Rummenigge gar als das „beste Bundesliga-Spiel der Saison“. Bei aller Begeisterung für die rote Chancenflut: Das „beste Bundesliga-Spiel der Saison“ ging verloren. Offensiv-Power schön und gut – gegen Bayer wurde jedoch auch deutlich: In der Defensive hat der Rekordmeister Geschwindigkeitsdefizite.
Bei beiden Gegentoren kamen die Abwehrspieler (Pavard beim ersten, Martinez beim zweiten) nicht hinter Leon Bailey her. Nur mit „besserem Stellungsspiel“ – wie Hansi Flick anmahnte – wird man solche Situationen nicht verhindern. Besonders nicht gegen spielstarke Kontermannschaften, die gnadenlos in solche Lücken stoßen. Düsseldorf kann eine solche Qualität nicht bieten. Belgrad auch nicht. Bayer Leverkusen schon eher. Der FC Liverpool und Manchester City mit Sicherheit.
Will der FC Bayern in der Champions League ein Wörtchen mitreden, muss er das Problem in den Griff bekommen. Darauf angesprochen, verwies Flick auf Megatalent Alphonso Davies, der „enormen Speed“ mitbringen würde. Allein auf einen hoch veranlagten aber bei weitem noch nicht ausgereiften 19-Jährigen zu setzen, wird nicht reichen. In der Defensive agieren viele Strategen (Thiago, Tolisso, Martinez) und zu wenig Sprinter, die gegnerische Konter totlaufen können.
Wer weiß: Entscheidet sich der Club für Flick als längere Lösung, darf dieser womöglich einen Wunschzettel unter den Christbaum legen: Ein Alphonso Davies mit internationaler Erfahrung könnte da durchaus draufstehen.