Trainerleben
Beim TV-Interview konnte man schon erkennen: Lucien Favre, der sonst so gleichmütige Trainer von Borussia Dortmund, war genervt, als wieder die Fragen nach seiner Person kamen. Aber mit dem 2:1-Sieg bei Hertha BSC, das auf den Effekt des Trainerwechsels gesetzt hatte (Jürgen Klinsmann and Friends für Ante Covic), hat Favre die drohende Trennung des BVB von ihm erst einmal abgewendet. Was für ihn spricht: Das Team, nach dem Platzverweis von Mats Hummels eine Halbzeit lang reduziert, hängte sich richtig rein, verteidigte mit Leidenschaft die 2:0- und dann noch 2:1-Führung (und hatte Glück, dass nach VAR-Konsultation Davie Selkes Treffer für Berlin zurückgenommen wurde). Nahezu demonstrativ nahm Lucien Favre dann noch den als schwer erziehbar geltenden Jadon Sancho in die Arme. Das Talent aus England hatte beim Champions-League-Aufenthalt in Barcelona mal wieder disziplinarische Grenzen überschritten und Mannschaftsbesprechungen und Essenstermine verpasst oder nicht pünktlich wahrgenommen.
Ein 2:1-Sieg in einem kniffligen Bundesliga-Auswärtsspiel ist kein Kündigungsgrund, deshalb wird Lucien Favre den BVB auch auf das nächste Spiel zu Hause gegen Fortuna Düsseldorf einstellen. Und gleich danach ist schon wieder Champions League. Gegen Slavia Prag. Die Entscheidung, ob Dortmund weiterkommt. Favre nähert sich dem Winter.
Leipzig
Am Samstag weitermachen, wo man am Mittwoch aufgehört hat – das setzte RB Leipzig um. Als wäre das Team noch berauscht von seinem Finish in der Champions League gegen Benfica Lissabon (zwei Tore in der Nachspielzeit nach 0:2-Rückstand), startete es furios in die Bundesligapartie in Paderborn. 3. Minute: das erste Tor, 4. Minute: das zweite. Eine solche Frequenz kennt man noch nicht mal von Robert Lewandowski. Bemerkenswert war dann allerdings das Nachlassen der Leipziger, die dem Aufsteiger ein Plus im Ballbesitz gestatteten. So wurde es noch ein enges Spiel, das die Rasenballsportler letztlich mühevoll 3:2 gewannen.
Freilich gibt es wenig zu meckern über die Performance der Leipziger unter Julian Nagelsmann. In den letzten sieben Pflichtspielen (sechs Siege, ein Unentschieden) lief die Produktion hochtourig (29 Tore). Erstmals spielte Patrick Schick von Beginn an, und der aus Rom ausgeliehene Tscheche zeigte, dass er das Team noch gefährlicher machen kann. Kadertiefe benötigt Leipzig jedoch auch, denn die Belastungen haben Opfer gefordert: Orban, Kampl, Konate – das sind die Ausfälle bis zur Winterpause. Emil Forsberg, der mitreißende Held vom Mittwoch, fehlte am Samstag, weil die Muskulatur streikte. Yussuf Poulsen hat’s an den Adduktoren.
Julian Nagelsmann nahm die zweite Halbzeit in Paderborn als Warnung: Die Belastungsgrenze ist erreicht. „48 Stunden weg vom Fußball“, befahl er zwei komplett freie Tage. Energiereserven wieder aufladen – gibt’s dafür nicht spezielle Drinks?
Atmosphäre
Der Spieltag brachte zwei Trainer-Heimpremieren. Jürgen Klinsmann staunte in Berlin über das gute alte Frank-Zander-Lied „Nur nach Hause geh’n wir nicht“, dass im ausverkauften Olympiastadion am Ende des Nachmittags angestimmt wurde, Markus Gisdol war ganz begeistert, als er in Köln mitbekam, wie ganz Müngersdorf den Effzeh-Song („Mer stonn zo dir FC Kölle“) intonierte.
Vor allem in Köln gilt die Atmosphäre als mitreißend. Umso erstaunlicher, dass der „Effzeh“ so wenig auf die Reihe bringt. Gegen den FC Augsburg konnte er mit Mühe eine Heimpleite abwenden, Jhon Cordoba glich spät zum 1:1 aus. Zu bieten hatte Köln sonst nur Härte – was sich in einer Gelb-Roten und sechs Gelben Karten äußerte. Eine von ihnen, gegen Nationalspieler Jonas Hector, war noch ein Akt der Schiedsrichter-Gnade. Vielleicht ist es zu aufwühlend, wenn fast 50 000 Leute eine Hymne singen. GÜNTER KLEIN