Wundersame Wiederkehr als Sieger

von Redaktion

Sensation: Dreßen gewinnt bei Comeback nach einem Jahr Pause die Abfahrt von Lake Louise

VON ELISABETH SCHLAMMERL

Lake Louise/München – Christian Schwaiger stand am Rande der Abfahrtspiste und starrte erst einmal auf sein Handy, auf dem die Livedaten des Rennens übertragen wurden. Der Cheftrainer der deutschen Alpinen versuchte zu begreifen, was da gerade passiert war. Unten im Ziel hatte Thomas Dreßen schneller verstanden, dass es etwas ganz Spektakuläres war. Während eine Kamera den noch regungslosen Coach am Berg einfing, jubelte der 26 Jahre alte Mittenwalder beim Blick auf die Anzeigetafel bereits ausgelassen. Er hatte bei der ersten Weltcup-Abfahrt der Saison Bestzeit gefahren, war zwei Hundertstelsekunden schneller als Dominik Paris aus Südtirol, einer der Topfavoriten auf den Sieg in Lake Louise. Und keiner der nach ihm gestarteten Athleten konnte die Zeit des Deutschen knacken. Knapp zwei Stunden später ließ sich Dreßen den weißen Cowboyhut, traditionell die Siegestrophäe in dem Weltcup-Ort in den kanadischen Rocky Mountains, aufsetzen. Der Triumph sei „fast der schönste“ seiner bisherigen drei im Weltcup, sagte er anschließend in ein Mikrofon. Schöner noch als der in Kitzbühel 2018 also. Und mindestens genau so sensationell. Tags darauf bestätigte er seine Form mit einem zehnten Platz im Super-G (Sieger: Matthias Mayer, Österreich).

Auf den Tag genau ein Jahr zuvor war Dreßen bei der Abfahrt von Beaver Creek im Fangzaun gelandet und musste wegen eines Kreuzbandrisses und einer kaputten Schulter die Saison früh beenden. Die Karriere, die im Winter zuvor mit dem ersten Erfolg eines Deutschen auf der Streif seit 39 Jahren Fahrt aufgenommen hatte, wurde jäh gestoppt. Dass er zurückkehren würde in den Kreis der Sieganwärter, war seinen Trainern klar. Aber nicht schon beim ersten Rennen.

Doch Dreßen ist eben ein „herausragender Abfahrer der Historie“, wie Alpinchef Wolfgang Maier sagt. Nicht zu vergleichen mit den bisherigen deutschen Weltcup-Siegern in der schnellsten Disziplin, von denen es keiner auf drei Siege gebracht hatte. Als „völlig aus der Norm“ bezeichnete Maier den Erfolg beim Comeback-Rennen. Dreßen sei „mental unheimlich stark“, lobte Josef Ferstl den Teamkollegen. „Er ist einfach der perfekte Abfahrer. Er hat ein brutales Skigefühl.“ Ferstl selbst schaffte mit Platz 14 ebenfalls ein beachtliches Resultat, gehandicapt durch eine Daumenverletzung, die er sich vor fünf Wochen zugezogen hatte.

Dreßen war sich vor dem ersten offiziellen Training gar nicht sicher gewesen, ob er das Rennen am Samstag überhaupt bestreiten soll, denn bei der Vorbereitung in Copper Mountain „war ich noch nicht konstant von den Zeiten und vom technischen Skifahren her“. Aber nach dem Abschlusstraining, das der Deutsche als Fünfter beendete, hatte zumindest Chefcoach Schwaiger „ein gutes Gefühl“. Er sei sicher gewesen, „Tom ist wieder bereit.“

Der hatte sich „überhaupt keinen Druck gemacht. „Warum auch beim Comeback-Rennen“, sagte Dreßen. Er hatte vor dem Start versprochen, sich ein Bier zu gönnen, wenn er Zehnter werde. „Und dass es jetzt so aufgeht – Wahnsinn! Wenn ich überlege, vor einem Jahr häng’ ich Netz und schrei wie die Sau.“

Für ein Bierchen war am Samstag erst am Abend nach der offiziellen Siegerehrung in einem schmucklosen Raum im Hotel „Chateau Lake Louise“ Zeit. Schwaiger, der da natürlich längst schon begriffen hatte, welche Dimension der Triumph von Dreßen hatte, dachte bereits ein paar Tage und ein paar Flugstunden voraus. „Die Erwartungshaltung ist wieder bei null“, betont er mit Blick auf die Weltcup-Abfahrt am kommenden Wochenende in Beaver Creek, auf jener Strecke, die Dreßen vor einem Jahr zum Verhängnis geworden war. „Das Thema existiert natürlich“, weiß Schwaiger, ist aber auch sicher: „Wenn er sich wohlfühlt, wird er auch da gut fahren.“

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