Anführer wider Willen

von Redaktion

Notlösung David Alaba hat sich als Innenverteidiger zum Chef gemausert

VON DANIEL MÜKSCH

München – Um den neuen David Alaba zu erleben, musste man vergangenen Samstagabend bei bitterer Kälte bis zehn Minuten vor Schluss ausharren: Der FC Bayern liegt gegen Leverkusen trotz einer immensen Chancenflut 1:2 hinten. Der Endspurt steht kurz bevor. Joshua Kimmich hat sich den Ball für einen Freistoß auf der halb-linken Seite zurecht gelegt. Doch kurz vor Ausführung rennt Alaba zu jedem Mitspieler im gegnerischen Sechzehner. Redet auf seine Kameraden ein. Klatscht sie ab. Macht sie heiß – sagt man dazu wohl auf Fußballdeutsch. Vergeblich.

Der Freistoß war nicht erfolgreich. Wie der gesamte Abend des Rekordmeisters. Das Team um David Alaba verliert ein höchst unterhaltsames Bundesligaspiel gegen aufopferungsvoll kämpfende Gäste aus dem Rheinland. Doch die Szene zeigt, wie sich die Rolle von David Alaba im Teamgefüge der Münchner verändert hat.

Der Österreicher ist nicht mehr – wie einst – nur ein charmanter Spaßvogel mit Wiener Schmäh, der auf der linken Seite einem Franck Ribéry den Rücken frei hält und gelegentlich auch mal selbst sein Heil in der Offensive suchen darf. Der 27-Jährige ist zum Abwehrchef unter dem neuen Cheftrainer Hansi Flick aufgestiegen. Immer wieder zitiert Flick den österreichischen Nationalspieler an die Seitenlinie und schickte ihn mit neuen taktischen Anweisungen zurück auf das Feld. Wenn der Trainer meint, es gäbe was zu verändern, ist der umfunktionierte Innenverteidiger sein erster Ansprechpartner.

Doch seinen neuen Status erhielt Alaba aus der Not heraus, mangels Alternativen. Nur durch die schweren Verletzungen der nominellen Positions-Stammkräfte Niklas Süle und Lucas Hernández wanderte Alaba in das direkte Blickfeld von Keeper Manuel Neuer.

Und nachdem sich Jerome Boateng auch noch eine Rote Karte gegen Eintracht Frankfurt einfing, wurde Alaba bis auf weiteres in die Defensivzentrale zwangsversetzt. Eine Rolle, mit der er sich erst einmal anfreunden musste und eine eigene Interpretation anstrebt: „Ich verkörpere diese Position anders durch meinen Stil. Ich denke offensiv und versuche, von hinten rauszuspielen“, sagt Alaba über den Innenverteidiger Alaba.

Was in den letzten Wochen passiert ist, kennt Alaba allzu gut. Noch nie hat er einen Hehl daraus gemacht, dass er am liebsten zentral in der Offensive wirbeln würde. Diese Rolle blieb aber etablierten Superstars vorbehalten. Wie eben Franck Ribery oder Arjen Robben auf der anderen Seite. Wurde der gebürtige Wiener dann auf eine andere Position verschoben, erfüllte er seine ungeliebte Aufgabe so bravourös, dass die Trainer ihn nirgendwo anders mehr einsetzen wollten oder konnten.

Auch seine Teamkollegen huldigen ihm derart überschwänglich, dass eine Rückkehr in offensivere Gefilde kaum möglich erscheint: „Ich finde, er ist als Innenverteidiger ein komplett anderen Spieler. Er gefällt mir auch überragend als Linksverteidiger, aber als Innenverteidiger ist er für mich wirklich mit einer der besten der Welt“, lautet zum Beispiel das Urteil von Joshua Kimmich. „Das ist schon schön, sowas zu hören“, antwortet Alaba auf solche Statements. Wobei das einschränkende „schon“ verrät, dass er sehr wohl ahnt, dass durch diese Lobhudeleien der kreative Offensivspieler ihn ihm ein unerfüllter Wunsch bleibt.

Aber womöglich tröstet ihn ein Blick auf seine aktuelle Visitenkarte: Einer der besten Innenverteidiger der Welt. Das verlängerte Sprachrohr des Trainers auf dem Platz. Emotionaler Leader des Rekordmeisters.

Durchaus respektabel und viel Trostpotenzial für einen 27-Jährigen.

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