München – Seit Anfang der Woche sind sie wieder vereint, Johannes Lochner und sein Schlitten. Weil die Materialverfrachtung in die USA deutlich länger dauert als der Personen-Flugverkehr, waren die deutschen Bobfahrer in den Tagen vor der Abreise zum ersten Weltcup nach Lake Placid zur Pause gezwungen. „Wir santeln ein bisschen am Königssee“, sagte der viermalige Weltmeister, es war die klassische Ruhe vor dem Sturm. Lochner aber fand es gar nicht schlecht, denn er, der Tüftler aus Leib und Seele, sagt: „Man kann sich auch kaputt fahren.“
Dieser Satz aus dem Mund des 29 Jahre alten Berchtesgadeners ist gleich in vielerlei Hinsicht interessant, denn es gab Zeiten, in denen Johannes Lochner sich nicht kaputt fahren konnte. Im Jahr 2017 gewann er acht Weltcups, WM-Gold auf seiner Heimbahn war die vorläufige Krönung auf dem Weg zu den Olympischen Spielen. In Pyeongchang jedoch spielten Lochners Bobs keine Rolle bei der Medaillenvergabe, Rang fünf (Zweier) und acht (Vierer) waren eine herbe Enttäuschung und ein echter Karriere-Dämpfer. „Danach“, sagt Lochner, „wollte ich keinen Bob mehr sehen.“ Inzwischen, nach einer weiteren durchwachsenen Saison mit nur einem Weltcup-Sieg, fügt er immerhin hinzu: „Ich kann wieder grinsen.“
Eigentlich ist Lochner, studierter Elektrotechniker, immer ein Grinsemann gewesen. Fokussiert, aber vollkommen unbekümmert, ging er das Bobfahren an, als Beruf und Freizeitbeschäftigung zugleich. Die Mischung funktionierte bestens, solange er sich auf sein Material verlassen konnte. Als im deutschen Verband neben den Schlitten des staatlich geförderten Instituts für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) auch jene des österreichischen Herstellers Johannes Wallner getestet wurden, begann für Lochner der Konflikt, in dem er noch heute gefangen ist. Lochner setzte im großen und kleinen Schlitten auf Wallner, wechselte im vergangenen Jahr zurück in den FES-Zweier – und hat bis heute Probleme mit dem ständigen Hin und Her. „Normalerweise“, sagt er, „schalte ich im Bob das Hirn aus“. Auf Autopilot fahren war das Erfolgsrezept, das im Moment nicht funktioniert. „Befreit runter rasen – das ist gerade einfach nicht drin.“
Der Kopf fährt also mit, wenn Lochner mit seinen BSD-Kollegen – dem Top-Favoriten und Serien-Weltmeister Francesco Friedrich und Christoph Hafer – am Wochenende in Lake Placid in die Saison startet. Er selbst weiß, „dass ich schnell bin, wenn ich die Bahn treffe“, er weiß aber auch, dass er es nicht ist, wenn ihm wie zuletzt so oft zu viele Fehler unterlaufen. Seine Situation vergleicht er mit der eines Bob-Anfängers, der in jeder Kurve überlegen muss. „Ich weiß im Ziel sofort, was ich falsch gemacht habe“, sagt er. Dass auf der Olympiabahn von 1932 und 1980 zunächst zwei Zweier-Wettbewerbe ausgetragen werden und erst in der Woche danach die Vierer starten, kann für Lochner nur von Vorteil sein. Der Wechsel zwischen den beiden Konstrukteuren bleibt so zumindest zu Beginn aus, „und ich kann separat sehen, ob ich auf dem richtigen Weg bin“.
Für Lochner ist es vor allem wichtig, bis nach Weihnachten die richtige Spur zu finden, denn anders als er von Chefcoach Rene Spies gesetzte Friedrich muss sich der Bayer kurz vor dem Jahreswechsel erneut einem internen Ausscheidungsrennen stellen. Neben Hafner und ihm werden dort auch der deutsche Zweierbob-Meister Richard Oelsner und der momentan verletzte Olympia-Zweite Nico Walther teilnehmen. Lochner ist optimistisch – und nimmt sogar das Wort „Vergeltung“ in den Mund. Bei den Deutschen Meisterschaften nämlich lief es für ihn gar nicht, er will seine Rolle als eigentlicher Weltklasse-Pilot daher nun untermauern.
Klappt alles, fährt er bei der Heim-WM in Altenberg Ende Februar um Medaillen. Klappt es nicht, hat er länger Zwangspause, als ihm lieb ist.