Umstrittener Biathlon-Einzel

Der Charme der Langeweile

von Redaktion

VON ARMIN GIBIS

Die Pionierzeiten des Biathlons bieten reichlich Stoff für Nostalgiker. Da wurde mit Großkalibergewehren aus bis zu 250 Metern Entfernung geballert, die Ziele dieses reinen Männersports waren Luftballons und Glasscherben. Und es gab nur einen einzigen Einzelwettbewerb, der sinnigerweise dann auch kurz Einzel genannt wurde: Das Rennen über 20 Kilometer.

Bis heute gilt dieser Kraftakt als die ultimative Herausforderung des Biathlons. Kein Wettbewerb ist länger und anstrengender, keiner fordert mehr Präzision (denn jeder Fehlschuss wird mit einer Strafminute – also drakonisch – bestraft). Da siegen nicht nur die Besten, sondern auch die Glücklichsten. Doch es gibt auch Kritiker. Sie behaupten: Keine Disziplin der gerade in Deutschland so beliebten Skijägerei ist langweiliger.

An diesem Einwand ist schon was dran. Schließlich zieht sich der Einzel scheinbar ewig in die Länge, nur die Anzeigentafel gibt einigermaßen Auskunft über Stand und Verlauf des Kräftemessens. Allein am Schießstand wird für Augenblicke ein bisschen Spannung geboten. Ansonsten ist vor allem viel Leerlauf zu sehen, von Dramatik aber nicht die Spur. Nicht von ungefähr verzeichnet der Einzel die niedrigsten TV-Einschaltquoten in der insgesamt so publikumswirksamen Sparte Biathlon.

Dabei hat sich gerade der Biathlon-Weltverband IBU als besonders einfallsreich erwiesen bei der Erfindung neuer Formate. Erst mit der Einführung von Verfolgung, Massenstart und auch der Mixed-Staffel schaffte die Sparte den ganz großen medialen Durchbruch, mauserte sich von Deutschland bis Russland zur Nummer 1 des Wintersports. Da stellt sich schon automatisch die Frage: Braucht man den reichlich unzeitgemäß daherkommenden Einzel überhaupt noch? Soll man den Dinosaurier wirklich unter Artenschutz stellen?

Nun, es hat schon auch seine guten Gründe, warum gerade im Lager der Athleten der Einzelwettbewerb unumstritten ist. Denn der Sport lebt eben auch von seinen Traditionen. Einem Wert, der nur schwer erklärbar und schon gar nicht messbar ist. Aber dieses Gefühl, immer noch im Kontakt zu den Wurzeln des ansonsten längst hochmodernen, durchkommerzialisierten Sport zu stehen, birgt seinen ganz eigenen Reiz und Charme. Wie schön klingt doch das Wort „Klassiker“. Und ein solcher ist der Einzel eben. Man muss ihn nicht unbedingt mögen. Aber er gehört sicher zum Biathlon wie der klirrende Frost zum Winter.

Armin.Gibis@ovb.net

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