Baum schlägt Alarm

von Redaktion

DFB-Trainer kritisiert deutsches Scouting – FC Bayerns Nachwuchsboss Sauer widerspricht

München – Manuel Baum war in seiner Funktion als Trainer der deutschen U 20-Nationalmannschaft in den vergangenen vier Tagen auf Fortbildungsreise in Südkorea unterwegs und traf sich unter anderem zum Erfahrungsaustausch mit den südkoreanischen Nachwuchstrainern und leitete eine Trainingseinheit der U 16-Nationalmannschaft. Obwohl der frühere Trainer des FC Augsburg also knapp 10 000 Kilometer von Deutschland entfernt war, stieß er hierzulande eine interessante Diskussion an.

„Wir scouten unsere Talente tot. Ich glaube, dass oft der Fehler gemacht wird, die Arbeit von Scouts erst dann als gut zu bewerten, wenn sie möglichst viele Schwächen bei Talenten aufzeigen. Nach dem Motto: ‚Was für ein toller Scout, der entdeckt wirklich alle Schwachstellen.’ Aber letztendlich kann das dazu führen, dass wir unsere deutschen Talente kaputtscouten. Und Spieler aus dem Ausland holen, die weniger akribisch gescoutet sind und daher attraktiver erscheinen“, so Baums These gegenüber der Zeitschrift GQ.Daher plädiert Baum dafür, die Besessenheit, Fehler zu finden, abzustellen. Die tz konfrontierte Bayern-Nachwuchsboss Jochen Sauer mit der Baum’schen These.Der Campus-Leiter sagt: „Wie andere Vereine in Deutschland hier arbeiten, möchte und kann ich nicht beurteilen. Für uns beim FC Bayern würde ich diese Aussage so aber nicht stehen lassen. Wir suchen grundsätzlich nur Spieler, die durch ihre Stärken unsere Mannschaften am FC Bayern Campus besser machen können. Und diese Stärken wollen wir dann, wenn sie bei uns sind, gezielt weiter ausbauen.“ Darum finden beim FCB demnächst auch Schulungen für die Scouts des Klubs statt. Sauer weiter: „Ich habe aber eher die Erfahrung gemacht, dass die eigenen Spieler oftmals kritischer gesehen werden als Spieler anderer Vereine.“ Diesen Eindruck bestätigt auch Baum der tz gestern: „Je häufiger man seinen eigenen Spieler sieht, desto mehr Schwächen fallen einem auf. Das Problem beim Scouting ist, dass man häufig nur auf die aktuelle Qualität schaut und nicht auf das Potenzial – und das ist ja das Entscheidende. Ich muss mich fragen: Welche Qualitätsmerkmale sind tatsächlich variabel, welche kann ich noch beeinflussen? Und welche sind nicht variabel? Wenn die Qualitätsmerkmale nicht mehr variabel sind, wir sich der Spieler nicht mehr weiterentwickeln – und das ist dann ein Problem.“ Darum spielt für Baum auch das Thema des sozialen Scoutings eine Rolle: „Das ist auch ganz wichtig, um zu erkennen, wo ein Spieler noch Potenzial hat. Es hilft einem Trainer, wenn er weiß: Wie ist der Spieler sozialisiert? Aus welchem Kulturkreis stammt er? Welche Werte vertritt er? Wie muss ich mit diesem Spieler umgehen, um sein volles Potenzial auszuschöpfen? Wenn ich mir im Scouting nur den Ist-Zustand des Spielers anschaue und ihn beurteile und mir dann beim regelmäßigen Scouting eben mehr negative Dinge auffallen, dann scoute ich ihn tot – und vernichte sein Talent, das er eigentlich hätte. Und so kommen meistens nur die Talente durch, die ihr Potenzial immer zu 100 Prozent abrufen können.“ MANUEL BONKE

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