München – Die ersten Bahntrainings standen gestern auf dem Programm, ab morgen geht es los: In Lake Placid starten die deutschen Bobfahrer um Überflieger Francesco Friedrich in den Weltcup. Für den 29 Jahre alten Oberbärenburger ist die Saison eine der wichtigsten seiner Karriere. Nicht nur, weil die von der IDEAL Versicherung präsentierte WM auf seiner Heimatbahn in Altenberg stattfindet, sondern vor allem, weil er mit dem sechsten WM-Titel im Zweierbob an dem Italiener Eugenio Monti vorbeiziehen würde – und alleiniger Rekord-Champion wäre. Im Interview blickt er auf die kommenden Monate und das große Ziel, den WM-Pokal nach 2013, 2015, 2016, 2017 und 2019 wieder mit nach Hause zu nehmen.
Herr Friedrich, die Saison beginnt untypisch – mit zwei Zweier-Wettbewerben. Ist das ein Vor- oder ein Nachteil?
Für diejenigen, die mit dem Wechsel zwischen dem großen und kleinen Schlitten Probleme haben, ist es ein großer Vorteil. Ich hatte früher auch Probleme damit, aber mittlerweile ist es bei mir nicht mehr schlimm. Trotzdem finde ich es viel besser so – und zwar mit Blick auf die WM, die im kommenden Winter in Lake Placid stattfindet. Da hat man jetzt erst zehn Läufe im Zweier, das ist super zum Testen. Und nächste Woche können wir das Gleiche im Vierer noch mal machen. Man kann viel konstanter, besser und konzentrierter fahren.
Sie sind ohnehin der Top-Favorit in allen Wettbewerben, oder?
Ach, das würde ich nicht sagen. Man sieht doch immer erst, wie man selber und wie alle anderen drauf sind, wenn es losgeht. Vorher gibt es Gerüchte, denen traue ich nicht. Ich bin deshalb froh, dass es endlich so weit ist.
2020 findet die WM auf Ihrer Heimbahn in Altenberg statt. Ist die Saison für Sie ähnlich wichtig wie eine Olympische Saison?
Viel fehlt da nicht, da bin ich ehrlich. Diese Heim-WM ist schon extrem wichtig für mich und mein Team. Olympia ist immer eine Sache für sich, aber vielleicht kann man es als kleines Olympia bezeichnen. Ein Zwischenhöhepunkt zwischen zwei Olympischen Spielen, ein kleines Olympia.
Besteht die Gefahr, dass alle denken: Der Friedrich hat die letzten fünf Zweier-WMs gewonnen – da ist das Heimspiel sowieso ein Selbstläufer?
Die Gefahr ist immer da, aber wir sind gut vorbereitet auf alles, was kommt. Wir sind zwischen den Jahren noch mal in Altenberg zum Testen, kennen uns da bestens aus. Wir sind gewappnet für die WM – eigentlich jetzt schon.
Wie gelingt es, das ganze Drumherum nicht an sich heranzulassen? Alle werden davon sprechen, dass Sie mit dem sechsten Titel hintereinander den ewigen Rekord von Eugenio Monti überbieten können.
Wenn wir wissen, dass wir das Beste getan haben, kann man entspannt in die Rennen gehen – da muss ich nicht groß nachdenken. Bisher ist mir das immer gut gelungen, das hat auch viel mit Erfahrung zu tun. Ich kenne aber natürlich die Umstände von Heimrennen, gerade in Altenberg. Da will jeder im Vorfeld Karten oder ein Foto, dazu gibt viele Interview-Anfragen. Aber ich weiß, wie ich damit umzugehen habe. Ich habe da auch aus vielen schlechten Erfahrungen gelernt – und man muss sich auch dessen bewusst sein, dass schlechte Tage immer kommen können. So kommt man am besten voran.
Wenn Sie sich mit dem Francesco Friedrich von 2013 vergleichen – was hat sich verändert?
Menschlich wenig, aber ansonsten vieles. Die Erfahrung ist im unendlichen Maße dazugekommen. Privat habe ich außerdem zwei Kinder bekommen.
Da ist der Abschied vor dem langen Weltcup-Winter noch schlimmer, oder?
Der ist hart, das stimmt. Der Große ist dreieinhalb Jahre, der versteht es gut, wo ich bin und was ich mache. Letztes Jahr aber haben wir ab und an telefoniert – und wenn er mich per Video gesehen hat, ging es ihm dann wieder nicht so gut. Er fragt meine Frau dann ständig: Wann kommt Papa wieder heim? Zurzeit geht es gut, toi, toi, toi. Der Kleine ist erst ein halbes Jahr, der versteht das noch nicht.
Will der Große Bobfahrer werden?
Na klar (lacht) – was sonst?
Apropos Kindheit. Kannten Sie Eugenio Monti als Kind?
Nein, ich kannte den Namen erst, als dieser Rekord langsam näher kam.
Nervt der Name langsam?
Nein, das gehört dazu, damit gehört es umzugehen. Wir wollen diesen Rekord jetzt schlagen – das werden wir auch irgendwie schaffen!
Werden in 50 Jahren alle über den legendären Bobfahrer Francesco Friedrich sprechen?
Wenn es den Sport in 50 Jahren noch gibt, vielleicht. Man muss schon sagen: Wenn ich das jetzt schaffe, dann muss das erst mal jemand nachmachen. Es ist möglich, aber sehr schwer! Da geht es vor allem um die Begleitumstände. Die Olympischen Spiele haben früher auch als WM gezählt, deshalb hat Monti nur fünf Jahre gebraucht. Um aber sechs Mal Weltmeister zu werden, muss man heute neun Jahre lang in Topform sein. Der müsste jung in den Weltcup kommen, das Material und die Anschieber haben, dazu eine Menge Erfahrung aufweisen. Das wird schon dadurch begrenzt, dass das in wenigen Nationen überhaupt möglich ist.
Sind es die Rekorde, die Sie jeden Tag motivieren?
Das werde ich oft gefragt, aber ich muss ehrlich sagen: Ich habe nicht so den innerlichen Schweinehund, mir macht Bobfahren einfach Spaß. Ich mache das aus Leidenschaft, die ungebremst ist. Rekorde sind Zubrot.
Parallel tüfteln Sie in dieser Saison schon am Olympiabob. Wie viele Prototypen sind Sie in der Vorbereitung gefahren?
Das waren bestimmt acht, neun, zehn Bobs – eine ganze Menge. Und ich habe noch nie so viele Testfahrten gemacht, bestimmt 100. Wir fahren jetzt trotzdem erst mal mit den Materialien vom letzten Jahr, da haben wir Sicherheit. Wir haben aber parallel Informationen gesammelt, die gilt es jetzt nach und nach weiter zu testen. Ich habe FES, Wallner und BMW getestet – und die Tests dauern ja noch an.
Was taugt der BMW-Bob?
Fahrerisch ist er überlegen, aber von der Zeit her fehlen noch ein paar wenige Hundertstelsekunden. Wir sind da auf einem guten Weg. Ich bin mir sicher, dass er – wenn Haube und Rahmen noch angepasst werden – mindestens so schnell werden wird wie die anderen Fabrikate. Wenn nicht sogar noch schneller. Das ist ein Bob, mit dem ich alle Läufe hintereinander identisch und sauber runterfahre. Das ist schon mal viel wert.
Könnte das der Olympiabob werden?
Wenn die Zeit stimmt, definitiv. Ich möchte ihn auch im Weltcup testen, auf höchstem Niveau. Das ist immer noch mal ein Unterschied.
Ist der Spagat zwischen Tests und Rennen eigentlich schwer?
Mittlerweile nicht mehr, ich bin in jedem Bob konstant. Auch das gibt mir Selbstvertrauen für die Saison.
Interview: Hanna Raif