München – Zwei Gegentore, keine Punkte – und trotzdem ist die Stimmung in dieser Woche an der Säbener Straße bestens gewesen. Denn die Niederlage gegen Leverkusen hat an der grundsätzlichen Meinung über die Arbeit von Hansi Flick weder in der Chefetage noch bei den Profis auf dem Platz etwas geändert. „Die Atmosphäre“, sagte etwa Thiago jüngst, habe sich seit dem Abgang von Niko Kovac „komplett verändert“. Alle Spieler „haben wieder Motivation“, jeder will in der Startelf stehen. Das galt in den letzten Wochen, gilt aber vor allem morgen, wenn die Bayern in Gladbach zeigen wollen, wer die wahre Nummer eins im deutschen Fußball ist.
Schon die Partie gegen Bayer war ein erster Gradmesser, das Gastspiel im Borussia-Park aber ist die wichtigste Partie des verbleibenden Fußball-Jahres. Von der Elf, die morgen um 15.30 Uhr auf dem Platz steht, darf man durchaus als Flicksche Stammelf sprechen. Und von denjenigen, die auf der Bank Platz nehmen müssen, womöglich als erste Härtefälle der noch jungen Amtszeit des 54 Jahre alten Trainers. Bisher deutet wenig darauf hin, dass unzufriedene Stars unter Flick murren, wie es etwa „Notnagel“ Thomas Müller unter Kovac tat. Flick wird nicht umsonst als „Menschenfänger“ bezeichnet, er kann gut mit seinen Profis, erklärt seine Entscheidungen, fängt alle ein. Dass das vor allem bei den bisher wenig Eingesetzten schwerer wird, je öfter sie draußen sitzen, ist aber nur logisch.
Am weitesten weg von der Startelf wirkt nach den Eindrücken der ersten fünf Flick-Spiele Corentin Tolisso. Zwei Mal (71 Minuten in Düsseldorf, 90 Minuten in Belgrad) durfte der Franzose im zentralen Mittelfeld agieren, ansonsten war er nicht mehr als ein Statist. Da die Rolle neben (gegen Leverkusen) oder vor dem gesetzten Sechser Joshua Kimmich dem derzeit starken Leon Goretzka vorbehalten ist, sind die Chancen für Tolisso schlecht. Ähnlich verzwickt ist die Lage von Thiago, der in der Bundesliga unter Flick noch nie von Beginn an randurfte. Beim 6:0 in Belgrad machte er zwar eine gute Partie, gewann auch defensiv viele Zweikämpfe. Das reichte aber nicht, um gegen Leverkusen in der Startelf zu stehen.
Man darf davon ausgehen, dass Flick auch in Gladbach auf ein zentrales Mittelfeld um Kimmich, Goretzka und Thomas Müller setzt, interessant wird, ob Philippe Coutinho einen Platz findet. Nach seiner Einwechslung gegen Leverkusen sorgte die Leihgabe für frischen Wind in der Zentrale, zuvor kam er zwei Mal auf dem linken Flügel zum Einsatz. Dort aber steht auch Kingsley Coman bereit, bei bester Gesundheit. Der Franzose war von der Länderspielpause angeschlagen zurückgekehrt – es wird interessant zu beobachten, wie und ob Flick ihn wieder zum Stammspieler macht.
Auf noch weniger Spielminuten – nämlich genau 90 – kommt Jerome Boateng unter Flick. Das lag in erster Linie daran, dass der Weltmeister in der Liga gesperrt war und sich David Alaba und Javi Martinez einspielen sollten. Das Duo trainierte gestern am freien Tag, Boateng würde dem Gladbacher Sturm aber mehr Geschwindigkeit entgegenbringen als der Spanier. Es könnte daher gut sein, dass er in die Innenverteidigung rückt.
Das Ziel ist klar: keine zwei Gegentore – und am besten drei Punkte. Sonst dürfte die Stimmung kommende Woche womöglich doch schlechter werden.