Scouting in der Kritik

Mut zur Gelassenheit

von Redaktion

VON NICO-MARIUS SCHMITZ

Der Karriereverlauf von Miroslav Klose lässt die Herzen der Fußballromantiker höher schlagen: Klose kickte bis zu seinem 20. Lebensjahr bei der SG Blaubach-Diedelkopf – weit entfernt vom Profifußball. Trotz der fehlenden Ausbildung in einem Bundesligaverein entwickelte sich der gelernte Zimmermann zu einem der besten Stürmer seiner Generation und zum bisher erfolgreichsten WM-Torschützen. Dass ein Spieler wie Klose 20 Jahre lang unter dem Radar fliegt, ist in der heutigen Welt des Fußballs unwahrscheinlich, ja sogar ausgeschlossen.

Im Rahmen der Reform der Talentförderung führte der DFB 2004 unter anderem die Nachwuchsleistungszentren (NLZ) ein. Derzeit gibt es 55 in Deutschland, die Vorteile liegen auf der Hand: In Zeiten der astronomischen Transfersummen jenseits der 100 Millionen Euro sollen – im Idealfall regionale – Talente frühzeitig erkannt, gefördert und an den Verein gebunden werden.

Manuel Baum, Cheftrainer der deutschen U-20-Nationalmannschaft, kritisiert nun die Vorgehensweise der Scouts bei der Bewertung von Nachwuchskräften. Der Hauptvorwurf: Scouts konzentrieren sich zu sehr auf die Makel der jungen Spieler, statt deren Potenzial in der Sichtung einzubeziehen. „Wir scouten unsere Talente tot“, sagt Baum der „GQ“ und wünscht sich, „die Besessenheit, Fehler zu finden, abzustellen.“ Er hat da Recht: Der Druck, das nächste Juwel zu finden, wirkt sich sicherlich auf das Verhalten der Scouts aus. Bei der Suche nach dem nächsten Kai Havertz wird radikal ausgesiebt. Von der perfekten Ballbehandlung über das Umschaltspiel bis zum Passspiel: Das Talent soll schon in jungen Jahren möglichst wenige bis gar keine Schwachpunkte aufweisen. Ansonsten fällt es durch das Sieb des riesigen Talentpools.

Diese Art des Scoutings nimmt Nachwuchsspielern nicht nur die Möglichkeit, sich in aller Ruhe zu entwickeln, es nimmt vielen auch die Freude am Fußball. Bereits achtjährige Kicker werden durchleuchtet und bis ins kleinste Detail bewertet. Statt so den Druck in den U-Mannschaften zu erhöhen, wäre es sinnvoll, Empathie zu zeigen. Man darf nicht vergessen: Bei all diesen Talenten handelt es sich um junge Menschen, die ihrer Leidenschaft nachgehen. Schwächen sollten da nicht als Ausschlusskriterium gesehen werden – sondern als Möglichkeiten zur Verbesserung. Auch Klose war auf dem Bolzplatz in Blaubach ja noch nicht perfekt.

nico.schmitz@ovb.net

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