Dieses Phänomen ist so berühmt, dass es sogar seinen eigenen Wikipedia-Eintrag besitzt – der Bayern-Dusel. Im Online-Lexikon steht: „Der Bayern-Dusel ist ein in Deutschland verbreiteter Fußballmythos. Er bezieht sich auf den FC Bayern München und besagt, dass die Mannschaft in knappen Spielen häufig besonderes Glück habe.“ Gut möglich, dass der Eintrag bald aktualisiert werden muss. Von Glück kann nach den letzen Bayern-Auftritten keine Rede mehr sein.
Es wäre unfair, die Bayern-Mannschaft im Zuge der Niederlagen gegen Leverkusen und Mönchengladbach zu zerlegen. So schlecht spielt das Team gar nicht. Was freilich fehlt: Eine rote Selbstverständlichkeit gepaart mit einem Killerinstinkt in den entscheidenden Situationen. Noch vor ein, zwei Jahren hätten Bayern-Fans- und Gegner während eines Spiels wie am Samstag im Borussen-Park geunkt: „Die Bayern machen sowieso noch eins.“ Inzwischen hört man: „Die müssen aufpassen. Sonst fangen sie sich noch eins.“
Der Glaube, dass individuelle Qualität und ein Quäntchen Glück alles zum Guten wenden, ist passé. Auch bei den Gegnern. Natürlich gibt es noch Spiele, in denen der Rekordmeister seine Widersacher überrollt. In Dortmund und bei Tottenham weiß man, wovon die Rede ist. Auch in den nächsten Wochen wird es solche Spiele geben. Aber steht es lange auf Messers Schneide, zittern die Widersacher nicht mehr vor dem Bayern-Dusel. Im Gegenteil: Die vermeintlich Chancenlosen stemmen sich ihm selbstbewusst entgegen, suchen ihr Glück in der Offensive. Und finden es dort auch.
Der Sportpsychologe und Ex-Bundesliga-Torhüter Philipp Laux zweifelt gänzlich an der Existenz des Bayern-Dusels. Er glaubt, es sei kein „Dusel, sondern der Glaube, jedes Spiel zu jedem Zeitpunkt noch gewinnen zu können“. Nach dieser Definition muss der FC Bayern dringend Anzeige erstatten: Er ist bestohlen worden. Die Gegner haben sich den Bayern-Dusel geschnappt und besiegen den Club aktuell mit seinem eigenen Mythos.
Daniel.Mueksch@ovb.net