Crash vor dem Looping

von Redaktion

Martinez’ Hinrunde wirkt wie eine Achterbahnfahrt – dabei hätte Flick ihn gerne als Fixpunkt

VON HANNA RAIF

München – Javi Martinez wusste selbst, wie blöd diese Aktion gewesen war. Schon in den wenigen Momenten, bevor der Pfiff ertönt und die Bayern-Niederlage in Mönchengladbach so gut wie besiegelt war, hatte der Spanier seinen Kopf vergraben und mit den Händen auf den Rasen getrommelt. Er wollte all das nicht sehen, nicht die Rote Karte, nicht den Elfmeter, er wollte am liebsten gar nicht mehr da sein. Martinez war so gut wie allein in dieser bitteren Stunde.

Ja, es gab sie durchaus schon, jene Zeiten und Aktionen, in denen Unglücksraben besser in Schutz genommen wurden. In Gladbach hingegen sprach Manuel Neuer von einem „dummen Foul“, und gestern fügte Thomas Müller hinzu: „Wir wissen, dass uns die Aktion nicht geholfen hat, das weiß er selbst auch.“ Martinez sei nicht das „Opfer, wir hauen da nicht drauf“, versicherte der Teamkollege immerhin, außerdem gehe es nun „gemeinsam weiter“. Müller wagte die Prognose: „Das wirft Javi nicht aus der Bahn.“ Und trotzdem ist davon auszugehen, dass ein Tag wie der Samstag an Martinez knabbert. Ohnehin ist es ja so, dass der sensible Defensivspieler in den vergangenen sechs Jahren leichtere Zeiten in München erlebt hat als die Achterbahnfahrt dieser Hinrunde. Die Gondel blieb lange am Boden, nahm Fahrt auf – und crashte nun kurz vor dem Looping.

Das Bild vom 31-Jährigen in den Armen von Hansi Flick ist noch nicht allzu alt, und es zeigte Martinez in purer Verzweiflung. Auf der Ersatzbank hatten ihn im Herbst als Reservist unter Niko Kovac seine Gefühle übermannt, den willigen Kicker, der doch eigentlich nur spielen wollte. Der Trainerwechsel brachte Martinez zurück, schon in seiner ersten Pressekonferenz lobte Flick ihn in die Mannschaft und sagte erst jüngst: „Er geht für einen durchs Feuer.“ Das mag stimmen, Flick hätte den Ex-Nationalspieler gerne als Fixpunkt – und trotzdem werden auf dem Rasen Defizite sichtbar. Gestern sagte der Coach zum Foul im Gladbach: „Wir haben darüber gesprochen. Ich hoffe, dass er in so einer Situation in Zukunft anders reagiert.“

Javi Martinez ist 31 Jahre alt, und wer schon mit 25 nicht der Schnellste war, wird es mit fortschreitendem Alter auch nicht sein. Weil Flick den Welt- und Europameister aus Personalmangel in der Innenverteidigung installieren musste, wurde die Trägheit vor allem gegen flinke Umschalt-Teams wie Leverkusen und Gladbach deutlich. Vier Mal hintereinander stand zuvor die Null, die aus Martinez und David Alaba bestehende Zentrale hatte funktioniert. Zuletzt aber sah man doch deutlich, warum Martinez sich eher im defensiven Mittelfeld heimisch fühlt. Leverkusen setzte Leon Bailey auf ihn, der Plan ging auf. Offiziell als Schwachstelle benannt zu werden, tut weh.

Eine seiner bisher letzten Sternstunden war das Hinspiel im Achtelfinale der Vorsaison, gegen Liverpool überzeugte er als Balleroberer und Stabilisator wie zu seinen besten Zeiten. Ob und wo er morgen gegen Tottenham gebraucht wird, entscheidet vor allem der Gesundheitszustand von Jerome Boateng. Dessen Platz hatte Martinez in den ersten Flick-Wochen übernommen und ihn nun wieder abgegeben. Boateng allerdings wurde in Gladbach ausgewechselt, weil die Muskeln zwickten. Flick muss das Risiko abwägen.

Am Samstag gegen Bremen muss er sowieso auf Martinez verzichten, weil der seine Sperre absitzen muss. Dann wird er noch einmal erinnert werden an die düsteren Stunden von Gladbach. An den Geruch des Rasens, in dem er sich am liebsten vergraben hätte. Kein schönes Ende eines durchwachsenen Jahres.

Sein Vertrag geht übrigens bis 2021, und man erzählt sich, dass er ihn auch gerne erfüllen würde. Seine Bedingung: Genügend Spiele, Wertschätzung von allen Seiten. Irgendwann will er zurück nach Bilbao, aber das muss nicht zwingend im kommenden Sommer sein. Im Moment hat Martinez noch ein bisschen was gutzumachen.

Artikel 1 von 11