Dieser Auftritt von Karl-Heinz Rummenigge wirkt wie aus einer anderen Zeit. Ein bestens gelaunter Vorstandschef, grinsende Spieler, dazu der Satz: „Ein historischer Tag für unseren Verein.“ Wenn der FC Bayern heute Abend auf Tottenham Hotspur trifft, ist diese Bankett-Ansprache von London gerade 72 Tage her. Vor nicht mal zweieinhalb Monaten also hat dieser Verein mit 7:2 gegen den Vorjahresfinalisten gewonnen und von einer großen Saison geträumt. Heute, kurz vor dem Ende des zähen und anstrengenden Fußballjahres 2019, hofft man in erster Linie, dass es einfach vorüber ist.
So schnell kann es also gehen? Aus dem Spätherbst wird kalter Winter, und aus einem Aspiranten auf drei Titel eine Mittelmaß-Mannschaft auf der Suche nach sich selbst? Das ist freilich nur die halbe Wahrheit. Denn genauso wenig, wie nach dem Gala-Sieg in Tottenham – man erinnert sich an die Schlagzeile: „Europa staunt“ – alles gut war, ist nun alles schlecht. Die Bayern stehen in der Liga blöd da und hängen weit hinter ihren eigenen Ansprüchen zurück. Sie haben aber das Glück, zumindest bisher unbeschadet durch die Königsklasse gekommen zu sein. Das bringt Zeit bis zum Frühjahr. Dann allerdings, wenn es in den K.o.-Modus geht, ist Unruhe wie in den letzten 72 Tagen kein guter ständiger Begleiter.
Wer einen Beweis für die Schnelllebigkeit dieser Branche braucht, findet sie in den Beispielen FC Bayern und Tottenham. Die Bayern waren ein Mal im Himmel – und schnell zurück. Sie fühlten sich nach dem 7:2 als Champions League-Mitfavorit, weil sie dachten, eine Top-Mannschaft der Premier League degradiert zu haben. Dabei waren sie auf eine Elf ohne Selbstvertrauen getroffen, die unter Trainer Mauricio Pochettino nicht mehr funktionierte. Sie schauten sich kaum um, da waren sie es plötzlich, denen das Fußballspielen schwerfiel. Niko Kovac wurde 15 Tage vor Pochettino entlassen, der dann wiederum als heißer Bayern-Kandidat gehandelt wurde. In England sagt man so schön: To be continued…
Am Abend treffen sich also: Die Tabellensiebten der deutschen und der englischen Liga, Ein Duell auf Augenhöhe quasi. Ohne Kovac und Pochettino, mit Hansi Flick und Jose Mourinho, zwei Männern, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Mourinhos Vorteil: Er hat am Wochenende gewonnen. Aber daran erinnert sich spätestens in 72 Tagen eh niemand mehr.
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