Auch Stars werden gefeuert

Ancelotti – ein sehr typischer Trainer

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Die Nacht ist gefährlich für ihn. Besonders die nach Champions-League-Spielen. Zum zweiten Mal in Folge ist es Carlo Ancelotti nun passiert, dass er in den Stunden nach einem internationalen Auftritt seines Vereins gefeuert wurde. Der Unterschied zwischen den Fällen FC Bayern 2017 und SSC Neapel 2019: Diesmal hatte seine Entlassung mit dem vorangegangenen Spiel nichts zu tun; Napoli hatte gerade gegen Genk 4:0 gewonnen, war souverän durch eine Gruppe mit dem FC Liverpool und den nicht ungefährlichen Salzburgern gekommen. Ganz anders vor gut zwei Jahren: Da waren seine Münchner von Paris Saint Germain mit 0:3 hergespielt worden. Mit einer Aufstellung, die Ancelottis Dienstherren nicht zu Unrecht als Provokation empfanden.

Ancelotti erfährt trotzdem viel öffentliche Wertschätzung. Er ließ damals die Schimpftiraden von Uli Hoeneß an sich abtropfen und dankte, dass er Teil der Geschichte eines großen Clubs habe sein dürfen. Im Fall Neapel ist er der Märtyrer. Opfer eines ehrlosen Präsidenten, vor dem er seine Mannschaft beschützt hatte. Ancelottis Sympathiewerte beim Napoli-Anhang werden stabil gut bleiben. Er ist der Gentleman, der gute Tortellini kocht.

Doch vielleicht ist er tatsächlich kein guter Trainer mehr. Zwar stehen in seiner Vita drei Champions-League-Triumphe, und Titel in allen großen Ligen Europas, doch sie liegen nun schon einige Zeit zurück und waren auch nicht immer die große Kunst, weil man Ancelotti personell bestens bestückte Mannschaften anvertraute. Er arbeitete für sieben Vereine – und am Ende stand stets eine Enttäuschung. Er ging oder wurde gegangen, weil es nicht mehr weitergehen konnte.

So gesehen ist Carlo Ancelotti ein sehr typischer Trainer. Einer, der in etwa liefert, was ein Club braucht, der sich aber auch verlässlich abnutzt. So läuft es ja auch bei den Übungsleitern in Deutschland. Selten verlassen sie einen Arbeitgeber regulär und in gegenseitiger Wertschätzung. Ancelotti ist nicht besser als viele seiner Berufskollegen – nur berühmter. Die Gelassenheit, die er ausstrahlt, kann man ihm auch als Desinteresse auslegen.

Keine Frage: Er wird weiterziehen, er ist zwar keine Lösung für Clubs, die was aufbauen wollen, aber eine für die, die einen soliden Verwalter suchen. Vielleicht mal einer, der nicht Champions League spielt. Würde Carlos Überlebenschancen erhöhen.

Guenter.Klein@ovb.net

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