München – Man kann Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt grundsätzlich als Optimisten bezeichnen, aber man weiß von diesem Mann auch, dass er keine Hoffnungen macht, wo es keine gibt. Als der Mannschaftsarzt des FC Bayern also am Mittwochabend schnellen Schrittes aus dem Kabinentrakt der Allianz Arena in Richtung Ausgang eilte und dabei Worte verlor wie „es ist noch nichts sicher“, konnte man immerhin schon erahnen, dass die ganz schlimme Hiobsbotschaft nicht kommen würde. Gewissheit gab es dann eine knappe Stunde nach Mulls Abgang.
Kingsley Coman hat beim 3:1 des FC Bayern gegen Tottenham Hotspur einen Kapseleinriss und eine Stauchung im linken Knie mit Zerrung der Bizepssehne im Oberschenkel erlitten. Das heißt: Das Knie muss erst mal mit einer Schiene ruhiggestellt werden. Wie der Verein mitteilte, gab es am Donnerstag weitere Untersuchungen. Müller-Wohlfahrt erklärte danach: „Natürlich sind wir alle im ersten Moment erschrocken. Aber Kingsley hatte großes Glück. Die Untersuchungen haben ergeben, dass er nur drei Spiele ausfallen und die Rückrundenvorbereitung in Doha mit der Mannschaft bestreiten wird.“
Es ist also deutlich weniger kaputt, als manche beim Anblick der Verletzungsszene befürchtet hatten. Wenn man die Bilder so sieht, grenzt es an ein Wunder, dass der Bandapparat im vollkommen überstreckten Knie des 23-Jährigen so gut wie heil geblieben ist. Die Kreuzbänder sind dran, die Außenbänder auch, der Meniskus intakt. Die Bayern und vor allem Coman selbst atmeten tief auf in dieser Nacht.
Von einem „großen Schatten, der über dem Spiel liegt“, hatte Trainer Hansi Flick vor der Diagnose gesprochen. Und in der Tat war die Stimmung über den Sieg, der die perfekte Gruppenphase des Rekordmeisters gekrönt hatte, getrübt worden von den Geschehnissen in der 24. Minute. Ohne Fremdeinwirkung, beim Versuch, einen Ball zu erlaufen, hatte es Coman, zuvor Torschütze zum 1:0, ausgehebelt. Nicht nur Joshua Kimmich hatte in den Sekunden nach der Aktion ein ungutes Gefühl. „Ich habe mich erschrocken, weil ich in seine Augen geguckt habe. Das hat mich ein bisschen daran erinnert, wie er gegen Hoffenheim gefoult wurde und am Boden lag“, sagte Comans Mitspieler.
Damals, im Sommer 2018, hatte es den Flügelflitzer zum zweiten Mal binnen eines Jahres an der Syndesmose im linken Fuß erwischt. Als er vom Feld getragen wurde, weinte er, und in der Folge sprach er davon, dass er eine dritte Operation an seinem Fuß nicht mehr mitmachen wolle. Er werde dann „ein anonymes Leben führen“, sagte er, eines abseits des Fußballplatzes. Man muss die Aussagen von 2018 im Kontext betrachten, sie wurden getätigt von einem Dauerverletzten, kurz nach einer langen und anstrengenden Reha. Trotzdem aber zeigen sie, wie sehr diese Phasen fernab der Kollegen Coman zusetzen. Natürlich war er auch frustriert, als er das Stadion am Mittwoch auf Krücken verließ und zur nächtlichen MRT-Untersuchung gefahren wurde. An ein frühes Karriereende – wie damals spekuliert wurde – denkt er aber gewiss nicht.
Es ist trotzdem kein Zufall, dass sich noch vor der Auswechslung so gut wie alle Teammitglieder um den am Boden liegenden Coman versammelt hatten. Corentin Tolisso eilte von seinem Tribünenplatz in die Kabine. „Er hat in den letzten Jahren schwere Verletzungen gehabt. Man denkt gleich an das Schlimmste“, gab Sportdirektor Hasan Salihamidzic zu. „Nicht supergut“ habe die Aktion ausgesehen, sagte Müller, „so was ist immer blöd, vor allem bei der Vorgeschichte“, ergänzte Manuel Neuer. Die Kollegen wollten fürs Sorgenkind da sein. Dass Coman nun nur kurz fehlt und sogar schon im Trainingslager in Katar wieder mit den Kollegen trainieren soll, passt zur vorsichtig optimistischen Aussage von Müller-Wohlfahrt am Mittwochabend.