Nicht von dieser Welt

von Redaktion

Mit Dallas verzaubert Luka Doncic die NBA – und übertrifft sogar Nowitzki

VON ANDREAS MAYR UND MORITZ PATZELT

Dallas – Manche Spielregeln gelten selbst für Wunderkinder. In der Basketballliga NBA zieht man die Neulinge gerne mit allerlei unsinnigen Aufgaben auf. Etwa müssen sie die Arenen mit Kinderrucksäcken auf dem Buckel betreten. Luka Doncic schnallten sie einen pinken Ranzen mit der „Hello-Kitty“-Katze um. Doch einigen findigen Fans fiel auf: Das alberne Teil trug er nur auswärts, dieser Schummler. Doch wie so vieles in Lukas Leben lässt sich damit erklären, dass er anders als die anderen ist. Mit 13 zog er ins Basketball-Internat nach Madrid, mit 16 spielte er in der Euroleague und weil er bei seinem NBA-Debüt mit 19 schon einige Profijahre hinter sich hatte, ersparten ihm die Teamkollegen die Demütigung mit dem Katzen-Rucksack wenigstens bei den Heimspielen.

Nun ist Luka Doncic 20. In seinem zweiten Jahr in der NBA leitet der Slowene die Offensive der Dallas Mavericks, die beste der Liga. Sie rast auf dem Highway einer neuen Bestmarke entgegen: Hält sie ihr aktuelles Level, geht sie als gefährlichster Angriff aller Zeiten in die Annalen ein. Doncic und die Kaderplaner der Mavericks haben im Sommer eine Mannschaft aus der Müllhalde der Liga gerettet und sie zu einem schicken Schlitten restauriert, einem der angesagtesten der NBA mit Doncic als Rennpiloten, der auf die Playoffs zusteuert. Drei Jahre hat Dallas das gelobte Land des Basketballs nicht gesehen. Nun liegen die Mavericks auf Rang drei im Westen. Kaum eine Woche vergeht, in der Doncic nicht einen Rekord von Kobe Bryant oder LeBron James bricht. In dieser Woche war Michael Jordan fällig. Vor 30 Jahren hat der König der Lüfte 18 Spiele in Folge minimum 20 Punkte, fünf Rebounds und fünf Vorlagen erzielt. Doncic schaffte das 19 Mal.

Die ganz Liga fragt sich, wie das möglich ist. Der Junge ist doch erst 20. Als Dirk Nowitzki in diesem Alter nach Dallas kam, quälte ihn das Heimweh, er suchte Freunde, und die Elitespieler der NBA schubsten ihn auf dem Feld umher wie ihre kleinen Brüder. Doch in Dallas ist Doncic derjenige, der schubst, weil er sein ganzes Leben gegen die Älteren kämpft und ihm das einen Heiden-Spaß bereitet. Mit sieben Monaten, so ist es überliefert, dribbelte er erstmals einen Basketball. Sein Vater Sasa war Profi in Slowenien, bei jedem Spiel saß Luka unter dem Korb und warf in den Pausen. Im Alter von acht Jahren trennten sich die Eltern, Luka zog zur Mutter Mirjam. Über das Verhältnis zu seinem Vater spricht er nicht. Mit neun ging er zum Basketballtraining. Es dauerte 16 Minuten, bis ihn die Coaches zu den Zwölfjährigen steckten. Am nächsten Tag übte er schon mit den U16-Burschen. Sein Trainer Jernej Smolnikar sagt, schon damals habe Doncic wie ein Erwachsener gespielt. Seine Pässe erreichten Mitspieler, die nie damit rechneten. Seine Würfe trafen aus unmöglichen Lagen das Ziel, was wiederum die Gegenspieler verwirrte. Für Zauberei dieser Art haben die Kommentatoren der Mavericks einen Begriff geschaffen: die Luka-Magie.

Die Legenden über diesen Magier erreichten die Staaten früher als gewöhnlich. Normalerweise tritt man den Talenten aus Europa mit einer Portion Skepsis gegenüber. Kaum einer hat sie spielen sehen. Aber diesen Doncic bewunderte man. Den Basketball-Mozart aus Ljubljana, der 2018 zum besten Spieler der Euroleague gekürt und Europameister wurde, sah man auf Videos. Die Mavericks wussten sofort, dass sie Nowitzkis Nachfolger erspäht hatten, das Talent einer ganzen Generation, nach dem die ganze Liga gräbt. An Platz drei der Talentziehung wählten sie Doncic – und profitierten von der Ignoranz und Naivität der Rivalen. Phönix zog an erster Stelle lieber einen athletischen Center, Sacramentos Manager Vlade Divac verzichtete auf den Slowenen, weil er schon dessen Vater nicht leiden konnte. Doncic rächt sich auf sportliche Weise an seinen Zweiflern. 30 Punkte, zehn Rebounds und neun Assists gelingen ihm im Schnitt. Das sind die Wunderwerke des Wunderkinds. „Luka spielt, als wäre er nicht von dieser Welt“, lobt Nowitzki persönlich. Nur Doncics Körper steht noch im Weg. In der Vergangenheit brachen seine Leistungen nach Weihnachten regelmäßig ein. Viele glauben, dass das mit seinen Sommer-Aktivitäten korreliert: Doncic verbringt die heißen Wochen gerne auf einer Yacht vor der kroatischen Küste und schießt Gegenspieler ab. Nicht beim Basketball, sondern beim Videospiel Fortnite.

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