Ramona, das Mentalitätsmonster

von Redaktion

Snowboarderin Hofmeister hat einer Verletzungszeit wie so oft einen Sieg folgen lassen

München – Zu den Smoothies und Energydrinks, die Ramona Hofmeister so mag, hat sich zuletzt auch eine Flasche Wodka gesellt. Nicht irgendein billiger Fusel aus dem Supermarkt, sondern ein richtig edler und teurer – einer aus der hintersten Ecke Russlands. Hofmeister mag zwar keinen Wodka, doch sie hat das Geschenk am Sonntag gerne angenommen und will es auch in Ehren halten. Das Fläschchen erinnert sie an ihren Sieg beim Weltcup in Bannoye, errungen im ersten Parallelriesenslalom (PGS) dieser Weltcup-Saison.

Es war zwar schon der fünfte Weltcuptriumph ihrer immer noch jungen Karriere, doch dieser Sieg hat einen besonderen Stellenwert für die 23-Jährige aus Bischofswiesen. Nach einem Sommer, der von Reha-Qualen infolge einer Schulter-Operation geprägt war, ist Hofmeister ohne große Erwartungen ins vier Zeitzonen entfernte Bannoye geflogen. Sie wollte mal schauen, wie fit sie schon ist. Und dass es am Ende für Platz eins gereicht hat, ist sogar für die erfolgsverwöhnte Olympia- und WM-Medaillengewinnerin eine kleine Sensation. „Da hab ich wirklich nicht mit gerechnet“, sagt sie vier Tage nach ihrem Coup. „Man erträumt sich’s ja immer, aber dass es dann auf Anhieb so überragend läuft, das ist unglaublich.“

Unglaublich im Sinne von emotional, aber nicht im Sinne von einzigartig. Dass die Vorzeigeathletin von Snowboard Germany in der Lage ist, von null auf 100 durchzustarten – das hat sie nämlich nicht zum ersten Mal bewiesen. Kleiner Rückblick: Auch Hofmeisters Sommer nach ihrem Durchbruch in Pyeongchang (Olympia-Bronze im PGS) war von Klinik-Aufenthalten geprägt. Erst holte sie eine überfällige Handgelenks-OP nach, dann erlitt sie ihren zweiten Bandscheibenvorfall. Mit nur einem Trainingstag ist sie in die Saison 2018/19 gestartet – und hat auch da auf Anhieb für Furore gesorgt. Platz drei beim Weltcup in Carezza war im Rückblick das Warm-up für ihre erste WM-Medaille (Bronze im Slalom), der sie im Überschwang noch zwei Siege im Weltcup folgen ließ.

Im Fußball gibt es ein Modewort für Sportler mit Hofmeisters Fähigkeiten. Vom „Mentalitätsmonster“ ist da neuerdings die Rede – ein Begriff, mit dem sich die unerschütterliche Raceboarderin bestens identifizieren kann. „Ich denke, das trifft es gut“, sagt Hofmeister und fügt hinzu: „An sich ist Snowboarden wie Skifahren oder Radfahren – man verlernt es ja nicht. Der Feinschliff hat sicher noch gefehlt, technisch war es auch überhaupt nicht sauber gefahren . . .“ Aber, und darum geht es ja am Ende: „Es war halt einfach schnell.“

Neben ihrem Grundspeed und einer starken Physis ist Hofmeisters Trumpf, dass negative Gedanken in ihrem Kopf nicht vorkommen, wenn sie im Starthäuschen steht. „Ich denke, ich hab mir halt überhaupt keinen Druck gemacht“, sagt sie lässig: „Ich hab mir gesagt: Ich fahre, was geht. Ich bin voll motiviert. So wie ich halt immer Snowboard fahre: mit Leidenschaft. Das war an diesem Tag mein totaler Vorteil.“ Andere neigen zum Grübeln, Hofmeister gibt einfach Gas.

Und was macht man nun mit einer Übergangssaison, die so furios begonnen hat? Die nächste WM ist 2021, Olympia erst wieder 2022. Die rasante Ramona hat aber bereits ein Ersatzziel gefunden. „Das ist ganz klar der Gesamtweltcup“, sagt sie: „Das ist ein Riesenziel, weil man über die ganze Saison perfekt abliefern muss.“ Sie traut sich das zu und würde auch Ester Ledecká nicht fürchten, sollte die Tschechin erneut im Ski- und im Snowboard-Weltcup starten: „Wenn sie da ist, kann ich genauso gewinnen. Hab ich ja schon bewiesen.“ Sie findet: Die große Kugel würde sich gut machen in ihrem Trophäenschrank. Zwischen den Medaillen von Olympia und WM – und einer Flasche Wodka. ULI KELLNER

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