München – Die deutschen Biathletinnen sind vor einer Woche in Östersund nicht gerade mit Vollgas in die Saison gestartet. Die besten Ergebnisse waren zwei vierte Plätze, das Gros des Teams blieb hinter den gewohnten Leistungen zurück. Vor dem heute beginnenden Weltcup in Hochfilzen unterhielt sich unsere Zeitung mit Frauen-Bundestrainer Kristian Mehringer (38) über den glanzlosen Auftakt, die Frontfrau Denise Herrmann und die unersetzliche Laura Dahlmeier.
Kristian Mehringer, als Bundestrainer der deutschen Biathletinnen ist man stets mit hohen Erwartungen konfrontiert. Wie bewerten Sie das eher negative Echo auf den Saisonstart in Östersund?
Es ist ähnlich wie im letzten Jahr. Da sind wir auch mit Problemen in die Saison gestartet. Aber man sollte nicht übersehen, dass wir in Östersund im Sprint mit den Leistungen zufrieden sein konnten. Franziska Preuß wurde Vierte, Denise Herrmann Sechste. Da sind wir schon nah ans Podium rangekommen. Positiv war auch die Staffel, bei der jede einzelne Athletin um jeden Meter gekämpft hat, sodass wir bis zum Schluss die Chance hatten, aufs Podium zu laufen. Mit dem vierten Platz sind wir auch nicht unzufrieden, weil die Leistung insgesamt sehr gut war.
Fest steht, dass die Ansprüche im deutschen Biathlon traditionell höher sind, als es nun die ersten Ergebnisse waren. Wie gehen Sie denn mit dieser Belastung um?
Wir als Trainer versuchen zumindest, den Druck von den Sportlerinnen so weit wie möglich fernzuhalten und ihnen die Zeit zu geben, dass sie ihre Leistung wieder abrufen können. Wir wissen natürlich auch, dass wir uns im Saisonverlauf noch steigern müssen – sodass wir, wenn es auf die Heim-Weltcups im Januar und die WM im Februar zugeht, auch wieder vorne angreifen können.
Wie reagierte die Mannschaft auf den noch nicht optimalen Saisonauftakt?
Die ist weiter sehr zuversichtlich gestimmt. Nach dem Rücktritt von Laura Dahlmeier hat ja jede Athletin die Chance, in den Vordergrund zu laufen. Optimal wäre es natürlich, wenn wir eine breite Spitze hätten. Vorerst sind nur Preuß und Herrmann vorn mit dabei. Aber Vanessa Hinz möchte unbedingt zeigen, dass sie besser ist als zuletzt in Östersund. Ich denke schon, dass es bei ihr schon bald in die Top 15 oder Top 10 gehen kann.
Im deutschen Biathlon schreibt man ja das Jahr eins nach Laura Dahlmeier. Sie müssen eine Spitzenkraft ersetzen, die nicht ersetzbar ist. Empfinden Sie das als Bürde?
Es ist natürlich schade, dass die Laura ihre Karriere beendet hat. Wenn so eine Ausnahmeathletin aufhört, ist es immer schwierig – auch für den ganzen Verband. Aber wir können ihr jetzt nicht nachtrauern. Vielmehr müssen wir positiv in die Zukunft schauen.
Den besten Eindruck hat bisher Franziska Preuß gemacht. In der Vergangenheit wurde sie immer wieder von Verletzungen und Krankheiten gebremst. Haben Sie denn Vorkehrungen getroffen, dass sie diesmal stabiler durch den Winter kommt?
Die medizinische Abteilung und die Physiotherapeuten arbeiten da sehr engmaschig zusammen. Von ihren muskulären Problemen, die vom oberen und unteren Rücken kommen, wird sie im Wettkampf kaum noch beeinträchtigt. Wichtig ist da vor allem die Nachbereitung. Franzi muss nach dem Wettkampf Übungen machen, damit sich der Muskel wieder entspannt.
Weltmeisterin Denise Herrmann wurde schon im Sommer zur neuen Frontfrau erklärt. Wird sie diese Führungsrolle auch ausfüllen können?
Wichtig war, dass Denise im Schießen stabiler geworden ist. Da hatte sie zu Beginn der vergangenen Saison noch ihre Probleme. Ihre Laufform ist zu diesem frühen Zeitpunkt bei ihr nie so extrem überragend, wie das noch bei der letzten WM der Fall gewesen ist. Sie baut ihre Form natürlich in Richtung der Heim-Weltcups und der WM auf. Sie geht derzeit relativ entspannt damit um. Mit den Ergebnissen ist Denise noch nicht voll zufrieden, es könnte ein bisschen mehr sein. Aber ich bin sehr optimistisch, dass das noch kommt und sie dann zusammen mit Franzi Preuß die Leaderin in der Mannschaft ist.
Wie schaut es denn mit dem Nachwuchs aus? Ist schon eine neue Laura Dahlmeier in Sicht?
Wir haben einige Talente, aber von einer Überathletin würde ich jetzt nicht sprechen. Im 98er-Jahrgang gibt es immerhin Juliane Frühwirt, die im IBU Cup schon gute Leistungen gezeigt hat. Im 96er-Jahrgang haben wir Anna Weidel oder Janina Hettich. Wie gesagt: Über eine Ausnahmebegabung verfügen wir zwar derzeit nicht, aber mit hartem, strukturiertem Training und Selbstdisziplin kann man auch Erfolg im Biathlon haben.
Saisonhöhepunkt ist im Februar die WM in Antholz. Was trauen Sie Ihrem Team zu?
Wir haben in jedem Fall ein gutes Potenzial. Man muss allerdings auch beachten, dass international die Konkurrenz immer stärker, das Feld immer enger wird. Für eine Medaille muss natürlich alles passen. So wie das bei der letzten WM der Fall war, als wir vier Medaillen holten. Es ist jedenfalls einiges möglich.
Die nächste Station ist ab diesem Freitag der Weltcup in Hochfilzen. Platzt da der Knoten?
Wir hoffen es. Die Mädels sind jedenfalls optimistisch. Unser Ziel ist, dass jede Athletin einen Schritt nach vorne macht.
Interview: Armin Gibis