Herr Schwele, jetzt ist wieder Darts. Mit Ausnahme der Weihnachtstage durchgehend bis Neujahr. Haben Sie sich von Ihrer Familie verabschiedet?
Basti Schwele: Es wird nicht so zeitintensiv sein wie letztes Jahr, wo ich alle Sessions von der ersten bis zur letzten gemacht habe. Da kam Papa tatsächlich erst nach Mitternacht heim. Dieses Jahr teilen Tobias Drews und ich uns das Programm.
Tobias Drews: Basti bringt mich in die Bredouille, weil ich die Weihnachtsgeschenke schon Mitte Dezember erledigt haben muss. Schon eine Schicht zu machen ist anstrengend. Hat man die Abendsession, ist man nicht vor halb zwei zu Hause und träumt dann noch vom Darts.
Man kennt Sie beide aus anderen Sportarten, die Sie den Fernsehzuschauern nahe bringen, Eishockey und Boxen. Wie sind Sie ins Darts reingeschlittert?
Schwele: Das ist bei mir das richtige Wort. Als Elmar Paulke noch da war, der Darts-Papst, der den Sport groß gemacht hat, aber der mal einen Tag nicht konnte, wurde ich gefragt, ob ich Lust hätte, einzuspringen. Bei Sport1 hatten wir damals schon einen sehr intensiven Darts-Büroaustausch, in jedem Zimmer hängt eine Scheibe, da wurde der Hype von Anfang an mitgelebt. Ich bin tatsächlich angefixt worden. Als Elmar Sport1 verließ, fragte man mich, ob ich die Sparte übernehmen wolle.
Drews: Ich habe es schon einige Zeit mit Elmar Paulke gemacht. Und gemerkt: Es ist eine Sportart, die es schafft, einen schnell in den Bann zu ziehen. Die Sportler haben einen hohen Wiedererkennungswert, man kann ihre Entwicklung gut verfolgen. Darts interessiert mich inhaltlich, übers ganze Jahr hinweg und nicht nur zur WM.
Wie arbeitet man sich ein, was gibt es als Literatur?
Schwele: Zur WM gibt es das Magazin „180“ der PDC Europe, ein richtiger Schmöker. Ansonsten muss man schauen, dass man immer dranbleibt, was bei der Vielzahl der Turniere nicht einfach ist. In 50 von 52 Wochen finden Turniere statt.
Drews: Von Elmar Paulke habe ich viel mitbekommen, er hat seine Informationen geteilt. Und da wir Profis wie Robert Marijanovic oder Martin Schindler als Experten im Sport1-Team haben, kann ich mit denen die Feinheiten durchgehen. Die Sportart selbst kommt mir arbeitstechnisch entgegen. Man bekommt ein Gespür, wann man eine Geschichte ausbreiten kann und wann nicht. Vor Ende des Legs sollte man immer aufpassen. In den entscheidenden Phasen muss man am Spiel sein.
Sind die Regeln einfach oder komplex?
Schwele: Eigentlich supereinfach. Du stellst dich hin und wirfst. Ziel: mit so wenigen Würfen wie möglich auf die Null zu kommen.
Gibt es Taktik?
Schwele: Ich habe sie noch nicht gefunden. Man spielt meist die Triple-Felder großen Zahlen an, die 20, die 19, die 18. Die guten Spieler fangen ab 350 zu rechnen an.
Wird die Zahl, die sie noch brauchen, nicht angezeigt?
Schwele: Ja, aber sie wissen sie auch so. Das ist ein kompletter Automatismus. Die haben ein fotografisches Gedächtnis. Sie sehen die Zahl und wissen: Das ist mein Weg. Also auch sehr zu empfehlen für Kinder fürs Kopfrechnen. Meine Kinder haben schon ihre eigene Scheibe. Aber noch mit Soft-, nicht mit Steeldarts.
Ist Darts eigentlich Sport oder nur ein Geschicklichkeitsspiel?
Drews: Wie definiert man Sport? Über die Länge der Aktion? Diskuswurf ist eine kurze Aktion, aber sicher Sport. Wie ein Marathonlauf auch. Aber muss man schwitzen, damit es Sport ist? Natürlich hat Darts mit Geschicklichkeit zu tun. Mit Präzision. Mit Perfektion. Im Wettkampf muss man sich mal über schnelle Legs qualifizieren, mal lange durchhalten. Ich kann nicht erkennen, warum man Darts den Rang einer Sportart absprechen sollte. Dass nach wie vor eine intensive Diskussion geführt wird, wundert mich.
Schwele: Schießen ist olympisch, und das ist doch ähnlich. Wir reden oft übers Mentale im Sport. Bei Darts macht der Kopf viel aus. Anderer Punkt: Wie sehen Sportler aus, müssen die immer einen durchtrainierten Körper haben? Sascha Mölders spielt bei 1860 München in der 3. Liga auch noch einen guten Ball – mit Ball, wenn man so will (deutet auf die Bauchgegend). Auf der Darts-Bühne hat es durch die Beleuchtung 40 bis 60 Grad, das macht dich körperlich fertig und erst recht im Geist.
Wodurch werden die Fans angezogen? Durch die Spannung des Spiels – oder mehr durch die markanten Typen, die auf der Bühne stehen?
Drews: Es ist die Mischung. Jedenfalls muss Darts etwas haben, das die Leute anzieht, denn sie schalten es bewusst ein. Es ist kein Sport, der in der ARD läuft und über den man stolpert, weil man halt das Erste einschaltet. Die Typen haben einen hohen Wiedererkennungswert, was die Leute honorieren. Sie verinnerlichen schnell, dass der mit dem Irokesenschnitt Peter Wright ist. Die Übertragung kann nebenherlaufen, man verpasst nichts, die Stimmung wird trotzdem transportiert. Bei der Formel 1 dürfte es ähnlich sein. Man schaut den Start an und das Ende wieder. Darts kommt den Sehgewohnheiten des normalen Zuschauers entgegen. Und was man zu sehen bekommt, ist leicht nachzumachen. Eine Armbewegung. Jeder hat wohl schon mal einen Dartpfeil geworfen. Und vielleicht sogar getroffen.
Schwele: Anfangs war das sicher für die Spaßfraktion, doch Elmar Pauke hat die Latte hochgelegt. Jetzt interessiert man sich auch fachlich für Darts. Umso mehr ist man dann als Kommentator gefordert.
Ist der Erfolg nachhaltig?
Schwele: Darts ist ein Global Player. In Malaysia, in Asien wird es immer größer, alle spielen mit. Die PDC versucht, in den amerikanischen Markt einzusteigen, sie spielt jetzt auch in Las Vegas.
Drews: Es gab von Anfang an eine ordentliche Fangemeinde bei den deutschen TV-Zuschauern. Es hat dann aber einige Jahre gedauert, bis die Quoten nochmals deutlich nach oben gingen. Wie viele neue Sportarten gibt es denn sonst, die sich etabliert haben, als sie professionalisiert wurden? Man muss sich keine Sorgen machen, dass sich das beim Darts wieder ändert. Zumal wir immer noch auf den Durchbruch eines deutschen Spielers warten. Es ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, denn auch meine Mutter schaut das an.
Bei keinem anderen Sport schwenkt die Kamera so oft ins Publikum. Nirgendwo scheint die Interaktion mit den Fans wichtiger zu sein.
Drews: Beim Boxen gibt man oft die Zahl der Zuschauer in der Halle an, aber es wird nicht ausgeleuchtet. Beim Darts hört man, wie viele Leute da sind. Es ist faszinierend: Sie malen ihre Schilder und hoffen, dass sie ins Fernsehen kommen. Die Leute reden, trinken, haben Spaß und verpassen trotzdem nichts, kriegen über irgendwelche Antennen mit, dass gerade eine 180 geworfen wurde. Man kann dort gar nicht sitzen und den Funken nicht spüren. Ins Ally Pally wollen die Leute unbedingt, dafür wünschen sie sich Karten.
Gibt es auch unter Ihren Eishockeyfreunden Darts-Fans, Herr Schwele?
Schwele: Total. Letzte Woche habe ich mit Münchner Spielern gedreht und erfahren: Dennis Lobach hat eine Scheibe im Keller hängen, Konrad Abeltshauser an der Wohnzimmertür. Jason Jaffray ist ein sehr guter Darter, der mir aus seiner Zeit in der American Hockey League erzählte: Gegenüber der Eishalle war in jeder Bar ein Darts-Board. Auch Marcel Müller von den Kölner Haien ist ein großer Darts-Fan.
Darts und Boxen – was verbindet Ihre beiden Sportarten, Herr Drews?
Drews: Ralf Rocchigiani sagte mir neulich in Berlin, dass er unbedingt mal zur Darts-WM in den Ally Pally wolle. Das hat mich überrascht, dass er solch ein Riesenfan ist. Darts ist nicht so testosterongesteuert wie Boxen, man muss nicht diese kriegerischen Ansagen machen. Im Boxen gibt es Athleten, die eine K.o.-Quote von null Prozent haben und sich „Destroyer“ (Zerstörer) nennen, im Darts nimmt man sich mit den Spitznamen auf die Schippe, hat lustigere Walk-on-Musik. Und es ist dadurch, dass überall gleiche Bedingungen herrschen und man klare Leistungsdaten hat, ehrlicher. Die Mythen des Boxens, dass man mal den oder jenen geschlagen hat, gibt es im Darts nicht. Boxen mit seinen vielen Verbänden und Titeln hat Erklärungsbedarf und in der öffentlichen Wahrnehmung daher Schwierigkeiten. Darts ist eine nette Sache, eine Familienangelegenheit.
Wie gut spielen denn die Darts-Kommentatoren selbst?
Schwele: Ich spiele zu wenig. Aber während der WM habe ich das Glück, dass ich mit unseren Experten, die ja Darts-Profis sind, auf allerhöchstem Niveau werfen kann. Ich kriege Training, das besser nicht sein könnte. Man verbessert sich, geht aber durch Täler. Mal hast du den Flow und denkst, du kannst es, dann gibt es Tage, an denen du das Gefühl hast, diese Pfeile noch nie in der Hand gehabt zu haben.
Drews: Die Streuung ist nicht mehr so groß. Mit drei Versuchen treffe ich an guten Tagen einmal die Triple 20. Schlechte Tage gibt’s leider häufiger, da verliert man gegen Leute, gegen die man nicht verlieren sollte. Auch unsere Kinder treffen überraschend gut, das ärgert mich ein bisschen.
Interview: Günter Klein