München – Eine Hoffnung ging für die Bayern-Verantwortlichen mit Hansi Flick in Erfüllung: Die Mannschaft spielt unter dem Nachfolger von Niko Kovac (wieder) attraktiven Fußball, der selbst dem verwöhnten Bayern-Fan die Fußball-Seele streichelt. So loben die Entscheidungsträger – allen voran Kovac-Chefkritiker Karl-Heinz Rummenigge – Flicks Arbeit bis dato in höchsten Tönen. Dabei darf selbstverständlich auch die moderne Fußball-Floskel „Matchplan“ nicht fehlen. Flick – ein Mann auf der Höhe der Zeit – lautet die Message.
Doch die Zeit der Zärtlichkeiten endet heute. Martialischer kann man auch sagen: Die Schonzeit für Hansi Flick ist abgelaufen. Will er eine realistische Chance haben, als Cheftrainer ins Wintertrainingslager nach Doha am 4. Januar aufzubrechen, muss er die nächsten drei Bundesligaspiele gewinnen. Bremen zu Hause, in Freiburg und zum Jahresabschluss in der Arena gegen Wolfsburg. Hat Flick nach diesen drei überwindbaren Hürden nicht zumindest den Anschluss zur Spitze hergestellt, würde sein Chef-Engagement als furios gestartetes Intermezzo mit Ergebniskrise in die Clubannalen eingehen.
Flick selbst gibt sich vor dem Nord-Süd-Gipfel gegen Werder Bremen gelassen. Wie bisher immer in seiner Führungsrolle. Er rückt die gesamte Mannschaft in den Fokus: „Wir wollen die Hinrunde mit drei Siegen beenden“, gibt er die Marschroute vor dem Duell gegen den ewigen Rivalen aus der Hansestadt vor. Wobei der 54-Jährige weiß, dass seine Aussage so banal wie logisch ist: Der FC Bayern „will“ jedes Spiel in der Bundesliga gewinnen. Die meisten „muss“ er sogar. An seine Rolle in vorderster Front hat er sich inzwischen gewöhnt. „Ich schlafe besser“, beschreibt der ehemalige Assistent von Bundestrainer Joachim Löw den Unterschied zu seinen ersten Tagen als Chefcoach.
Personell stehen die Sterne nicht allzu günstig für den Start einer Aufholjagd. Gegen Bremen fehlt Kingsley Coman. Die ersten Befürchtungen haben sich nach den schrecklichen Szenen, die zu seiner Verletzung gegen Tottenham am Mittwoch geführt haben, zwar nicht bestätigt – dennoch wird der Franzose mit einem Kapselriss im linken Knie dieses Jahr nicht mehr auflaufen. Javier Martinez ist nach seiner Gelb-Roten Karte im Spitzenspiel gegen Mönchengladbach gegen Borussia Dortmund gesperrt. Den Spanier wird wahrscheinlich der wieder genesene David Alaba ersetzen. Corentin Tolisso fällt dagegen wegen muskulärer Probleme weiter aus. Den dezimierten Kader füllt Flick mit vier Nachwuchshoffnungen (Batista-Meier, Singh, Zirkzee und Lars Lukas Mai) aus der 3. Liga-Mannschaft auf.
Zum Abschluss wagte Flick noch einen Blick auf die Insel und gratulierte dem FC Liverpool zur Vertragsverlängerung mit Jürgen Klopp. Dabei schwärmte er von der deutsch-englischen Liaison: „Das ist der erfolgreichste Trainer der letzten Jahre. Sie spielen sensationell. Er hat eine Mannschaft sehr gut zusammengestellt. Das, was Liverpool zeigt, ist ganz große Klasse.“
Eine englische Tradition hat es Flick ebenfalls angetan: der „Boxing Day“ – der Premier-League-Spieltag am zweiten Weihnachtsfeiertag. Ein Event mit immer sehr hohen Einschaltquoten und großer Strahlkraft. „Ich war mehrmals persönlich vor Ort und es ist schon etwas Besonderes“, erinnert sich der Ex-Profi. Einen Import kann er sich allerdings nicht vorstellen: „Aufgrund unserer Personalsituation bin ich froh, wenn eine Pause kommt.“ Dass diese Pause kommt, steht außer Frage.
Ob Hansi Flick in die Pause jedoch als Bayern-Trainer geht? Diese Frage wird in den nächsten drei Spielen beantwortet.