Wer nun mit dem Zeigefinger auf die Russen zeigt und mit unverhohlener Schadenfreude sagt, geschieht ihnen nur recht, diesen derben, tricksenden, Wodka bechernden Gesellen, dem sei zunächst gesagt: Laut WHO trinken die Russen inzwischen weniger Alkohol als wir Deutschen. Sie werden sich bestimmt auch jetzt nicht sinnlos besaufen, aus Gram, dass ihr großes, stolzes Land wohl vier Jahre lang nicht mitmachen darf bei den Mega-Events des Weltsports, zumindest nicht unter russischer Flagge und nicht mit eigener Hymne. Ärgerlich wohl für Putin, der gewöhnliche Russe aber wird sich trösten: Schließlich sind seine Landsleute ja dabei im Kampf um Titel und Medaillen, dann werden sie halt wieder unter dem sperrigen Begriff „Olympische Athleten aus Russland“ die Plaketten abräumen, was solls?
Dabei sollten doch die Sanktionen gegen das von Moskau gelenkte Staats-Doping diesmal besonders drastisch ausfallen und alle abschrecken, die versucht sind, Ähnliches zu bewerkstelligen. Der Berg aber kreißte und gebar eine Maus. Nun wird es halt im kommenden Sommer bei den Spielen in Tokio so sein wie bei den Winterspielen 2018 in Pyeongchang, als Russland ausgeschlossen war, aber nicht seine Athleten. Rigorose Konsequenz in der Doping-Bekämpfung war nie die Sache der mächtigen IOC-Funktionäre, die sich 2014 als Putins Gäste im Urlaubsort Sotschi doch so wohlgefühlt hatten. Und würde auch nicht zu ihnen passen.
Es geht ja schließlich auch nicht nur um Russland, gedopt wird weltweit, nur eben vielleicht nicht ganz so schamlos und zentral gesteuert. Wäre ja auch ein Wunder, bliebe der Sport, in dem derart viel Geld umgesetzt wird, von betrügerischen Machenschaften verschont. Warum sollte hier die kriminelle Energie geringer sein als etwa in der Automobilbranche, zumal die Gefahr, überführt zu werden, relativ gering ist? Der Sport kontrolliert sich selbst und wird nicht freiwillig an dem Ast sägen, auf dem er so komfortabel sitzt. Tut er dann aber doch, gerade wegen seiner Passivität.
So langsam nämlich beschleicht einen das Gefühl, der Spitzensport ist dabei, sich selbst abzuschaffen. Olympia, einst eine brutal starke Marke, bröckelt mehr und mehr. Ein Relaunch wäre dringend erforderlich, um den existenzbedrohenden Vertrauensverfall zu bremsen. Da reicht nicht ein wachsweiches Urteil gegen die Betrüger in Moskau, denn so hart zunächst etwa der Ausschluss des russischen Nationalteams von der Fußball-WM in Katar klingt, so wenig wird es Auswirkungen haben: Dann nimmt eben ein „neutrales“ Team teil, das Siege unter dem Absingen der russischen Hymne feiern wird (so es welche zu feiern gibt). IOC und FIFA haben den Putin bestimmt lieber als Freund statt als Feind, und Wege, zunächst drastisch wirkende Sanktionen irgendwie glatt zu bügeln, hat man noch immer gefunden.
So steht der Weltsport wieder mal am Scheideweg, vielleicht sogar vor einem Scherbenhaufen. Was nun? Am besten wäre wohl, einen fetten Schlussstrich zu ziehen unter diese Art von Sport. Eine Alternative steht ja schon bereit, Vereine und Verbände haben längst den eSport für sich entdeckt. Der Bayerische Fußball-Verband zum Beispiel brüstet sich gerade damit, sein Engagement im „Sport“ an der Konsole noch weiter auszubauen, der FC Bayern hat sich, kaum dass der nicht als digital-affin bekannte Uli Hoeneß abgetreten ist, nun auch der für bequem gewordene Kids nicht ganz so anstrengenden Vari-ante des Fußballs geöffnet.
Ist das die Zukunft des Sports? Zumindest Doping sollte dann keine ganz so große Rolle mehr spielen. Betrug dagegen dürfte auch hier nicht völlig auszuschließen sein, es ist ja schon jetzt viel zu viel Geld im Spiel. Und die Versuchung damit groß.
Der Sport kontrolliert sich selbst und wird nicht freiwillig an dem Ast sägen, auf dem er so komfortabel sitzt. Doch er ist dabei, sich selbst abzuschaffen.