„Es ist magisch, wenn Pizarro ins Spiel kommt“

von Redaktion

Arnd Zeigler über den Bremer Stürmer, den Glücksfall Kohfeldt und den FC Bayern unter Flick

München – Dieser Mann kennt Werder Bremen wie kaum ein anderer. Arnd Zeigler, 54, ist Journalist, Moderator der WDR-Sendung „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ und seit 18 Jahren Stadionsprecher des SV Werder. Vor dem Bremer Gastspiel in München am Samstag (15.30 Uhr) spricht Zeigler im Interview über Werders Krise, Trainer Florian Kohfeldt und den magischen Claudio Pizarro.

Moin Herr Zeigler, haben Sie die Pleite gegen Paderborn schon verdaut?

Nee. Die Lage ist gar nicht gut, weil man in Bremen das Paderborn-Spiel als Auftakt dafür gesehen hat, dass bis zur Winterpause noch ein paar Punkte her müssen und Werder dann nach dem Ende der Hinrunde ganz gut dasteht. Das Spiel hat die Stadt aus Fußballsicht in einen Schockzustand versetzt, weil diese drei Punkte wirklich gefühlt von jedermann eingeplant waren, bei allem Respekt vor dem SC Paderborn.

Werder liegt auf Platz 14, hat in München wenig zu verlieren. Kommt das Spiel zur rechten Zeit?

Die Spiele gegen Bayern stehen immer auf einem besonderen Zettel. Es ist Kaffeesatzleserei, aber Werder wird sicher nicht mit einer breiten Brust nach München reisen. Andererseits nützt eine breite Brust in München oft vielen Vereinen auch gar nicht so viel. Man muss aber immer auch die Relationen im Auge behalten: Werder ist in der Lage, guten Fußball zu spielen, aber die gesamte Mannschaft hat zusammengenommen etwa genauso viel gekostet wie Benjamin Pavard. Bayerns Ersatzbank im letzten Spiel war dreimal so teuer wie Werders Stammelf. Bestehen kann Werder also nur, wenn man sich etwas sehr Schlaues einfallen lässt.

Warum ist die Lage bei Werder so ernst?

Die Verletztenmisere darf man nicht als Universal-Ausrede verwenden, aber sie war so heftig, wie ich es bisher bei kaum einem Club erlebt habe. Es waren zeitweise zwölf verletzte Spieler, von denen die meisten auch in der Startformation gestanden hätten. Zeitweise fielen die Innenverteidigung, die Mittelfeld-Schaltzentrale und mit Niclas Füllkrug der zentrale Stürmer aus. Die Truppe spielt nicht seit Wochen schlecht, sondern es gab zu viele Unentschieden, bei denen auch gute Spiele dabei waren.

Sie haben Trainer Florian Kohfeldt als „Glücksfall“ bezeichnet. Stehen Sie dazu?

Ich sehe es so, dass Werder es unter Florian Kohfeldt immer wieder geschafft hat, gegen deutlich besser besetzte Mannschafen sehr gut auszusehen. Und das ist klar ein Verdienst des Trainers. Bei Werder ist es keine monatelange Negativ-Entwicklung mit einer Bankrotterklärung nach der anderen, sondern eine kleine Schieflage, bei der man jetzt sehr aufpassen muss, dass sie nicht größer wird. Ich bin ein Freund von einer Beurteilung der Gesamtwetterlage – und da ist es nach wie vor so, dass Werder mit allen Mann an Bord unter Kohfeldt einfach attraktiven, kultivierten, gepflegten Fußball spielt. Ich würde ihn weiter als krassen Glücksfall bezeichnen.

Wie sehen Sie die Situation beim FC Bayern?

Obwohl Hansi Flick in der Bundesliga zuletzt zweimal verloren hat, hat man trotzdem den Eindruck gewonnen, dass es zwischen Mannschaft und Trainer besser passt als zuletzt unter Niko Kovac. Dabei haben wir am letzten Sonntag in meiner Sendung eine Tabelle gezeigt, die beweist, dass sich der FC Bayern unter Flick deutlich weiter von der Tabellenspitze entfernt hat als unter Kovac. Aber ich finde, man muss immer das große Ganze sehen – und nicht nur nach den Resultaten gehen.

Vor dem Spiel Bayern gegen Bremen müssen wir natürlich über einen Mann reden: Claudio Pizarro. Er hat über 300 Spiele für beide Clubs gemacht, ist mittlerweile 41 Jahre alt. Wie erleben Sie ihn?

Ich habe mich sehr geärgert, als es nach dem Schalke-Heimspiel eine sehr despektierliche Schlagzeile über ihn gab. Da stand etwas von Opa und davon, dass er den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören verpasst hätte. Ich als jemand, der bei jedem Heimspiel dabei ist, stelle aber immer wieder fest, dass es ein geradezu magischer Moment ist, wenn Claudio Pizarro eingewechselt wird. Vor allem bei Heimspielen bekommst du das Stadion damit so laut wie bei keinem Tor. Auch Florian Kohfeldt hat mal sinngemäß gesagt: Wenn Pizarro eingewechselt wird, merkst du, dass das beim Gegner etwas in Gang setzt. Die denken dann: Verdammt, da ist Claudio Pizarro. Der ist zwar 41 Jahre alt, aber das ist DER Claudio Pizarro. Man merkt sofort: Da ist einer, der Bälle festmachen kann, ein super Auge hat und gar nicht schnell laufen muss, um torgefährlich zu sein.

Ist es für Sie als Stadionsprecher unwirklich, immer noch den Namen Pizarro auszurufen?

Das ist wirklich ein Märchen, was wir in Bremen mit Claudio Pizarro erleben. Er hat Werder viermal verlassen und ist viermal zurückgekehrt. Man hat aber nie das Gefühl gehabt, dass er jemals wirklich ganz weg war. Ich bin jetzt seit 18 Jahren Stadionsprecher in Bremen, aber Pizarros erstes Heimspiel war noch vor meiner Zeit. In seinem ersten Heimspiel 1999 hat er gleich ein Kopfballtor gegen Kaiserslautern erzielt. Trainer beim FCK war damals Otto Rehhagel und Youri Djorkaeff hat noch gespielt. Pizarro hat also wirklich eine komplette Spielergeneration überdauert. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass er aufhört. Bei ihm denkt man: Der muss für immer bleiben, muss immer eingewechselt werden, solange er sich auf den Beinen halten kann.

Wie verfolgen Sie die Partie am Samstag?

Ich hätte mir wirklich gerne ein Wochenende in München gegönnt, muss wegen meiner Sendung aber schon am Sonntagvormittag wieder in Bremen sein. Das wird mir ein bisschen zu eng. Und als ich das letzte Mal in München war, hat Bayern 6:0 gewonnen – und das Spiel hätte auch 11:0 ausgehen können.

Interview: Jonas Austermann

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