München – Man kann sich ausmalen, was passiert wäre, stünde Callum Hudson-Odoi schon auf der anderen Seite. Dann würde Bayerns jugendlicher Hoffnungsträger nun auf seine alte Liebe treffen. Chelsea, der Verein, der ihn groß gemacht hat, wäre gleich sein erster großer Gegner in einem K.o.-Spiel mit dem FC Bayern. Schöne Bescherung! Aber weil es im Sommer eben nicht so gekommen ist, wie lange vermutet, und Hudson-Odoi nach wie in London spielt, steht er aus einem anderen Grund sinnbildlich: Der 19 Jahre alte Nationalspieler verkörpert das Motto, das Trainer Frank Lampard seinem FC Chelsea auferlegt hat: Jugend forscht.
Hudson-Odoi ist einer jener Spieler, die Thomas Müller gestern, nachdem das Achtelfinal-Duell mit Chelsea feststand, als solche bezeichnete, „die uns wehtun können“. Konkret nannte er den lange von Bayern umworbenen Offensivspieler und Ex-BVB-Profi Christian Pulisic, „deren Qualitäten bekannt sind“. In der Tat hat Lampards junge Truppe, aktuell Tabellenvierter, in der Premier League schon für Furore gesorgt, obwohl man ihr nach dem Abgang von Eden Hazard eine schwere Saison prophezeit hatte. Keineswegs als Zerstörer des schönen Spiels – wie damals, 2012, als Kapitän Lampard Chelsea zum Champions-League-Sieg führte –, sondern mit mitreißendem Offensivfußball. Der Saisonstart gelang bestens, in einer Krise steckt das Team allerdings derzeit: In der Liga setzte es vier Niederlagen in den letzten fünf Partien, der Rückstand auf Tabellenführer Liverpool beträgt beachtliche 20 Punkte. Auch Leicester und Manchester City sind bald außer Reichweite.
Man muss allerdings fair sein und die Umstände betrachten, unter denen Lampard, im Vorjahr noch Trainer beim Zweitligisten Derby County, seinen Job antrat. Der Verlust von Hazard schmerzte, das zeigen alleine die Zahlen. Wer in sieben Jahren 110 Tore erzielt und von Real Madrid für bis zu 150 Millionen Euro ausgelöst wird, hinterlässt eine große Lücke. Sie war im Sommer nicht zu schließen, weil die UEFA Chelsea eine Transfersperre auferlegt hatte. Der Vorwurf: 29 Verstöße gegen die Regularien zur Verpflichtung Minderjähriger. Die ursprüngliche Dauer: Ein Jahr, also zwei Transferperioden.
Lampard machte aus der Not eine Tugend und gab dem Nachwuchs eine Chance. Tammy Abraham (22) ist nun mit zwölf Treffern der erfolgreichste Torschütze des Teams, weitere Leistungsträger sind Mason Mount (20), Pulisic (21), Fikayo Tomori (21) und Reece James (19). „Wir haben Wege als Team gefunden, um dennoch wettbewerbsfähig zu sein“, sagt Lampard. Der deutsche Nationalspieler Antonio Rüdiger, der nach längerer Verletzung zuletzt sein Comeback gab, ist mit 26 Jahren ein Oldie im Team. Obwohl der Kurs erstaunlich gut funktioniert, atmete man in London vor wenigen Wochen auf, als die Transfersperre vom CAS reduziert wurde.
Es ist kein Geheimnis, dass in den kommenden Wochen groß investiert werden soll. Im Raum stehen Transfers von mehr als 170 Millionen Euro, und ein Hauptziel soll der Dortmunder Jadon Sancho sein. Außerdem auf dem Wunschzettel: Wilfried Zaha (Crystal Palace), Ben Chilwell (Leicester) und Moussa Dembélé (Lyon). „Es wird Gespräche geben, wo wir uns stärken können“, kündigte Lampard nach dem letzten Gruppensieg gegen Lille an – fügte aber hinzu: „Ich denke nicht, dass wir durchdrehen werden.“ Der Markt ist im Januar überschaubar, aber ein paar Milliönchen werden trotzdem fließen, ehe die Bayern im Februar gastieren.