Kleine Revanche dahoam

von Redaktion

Bayern trifft auf Chelsea – ein Club, mit dem noch eine Rechnung offen ist

VON JONAS AUSTERMANN

München – Gestern um 12.18 Uhr war es so weit: Kelly Smith, Rekordtorschützin der englischen Frauennationalmannschaft, zog das – aus Münchner Sicht – große Los. „Chelsea FC (ENG)“ stand auf dem kleinen Zettel, den die 41-Jährige auf der Bühne der UEFA-Zentrale im schweizerischen Nyon auseinanderfaltete. Einige Sekunden zuvor hatte der ehemalige Bayern-Profi Hamit Altintop aus dem Topf der Gruppenersten bereits seinen Ex-Club gefischt. Im Champions-League-Achtelfinale heißt es also: FC Bayern gegen FC Chelsea, Rot gegen Blau und aller Voraussicht nach Hansi Flick gegen Frank Lampard.

Der Münchner Chefcoach erklärte: „Im Achtelfinale gibt es keine leichten Gegner. Chelsea ist international eine gute Adresse. Da gab es in den Jahren zuvor einige Spiele, die sehr interessant waren.“ Flick drückte damit ganz diplomatisch aus, was so gut wie jedem Bayern-Fan durch den Kopf geschossen sein dürfte: Chelsea, Finale dahoam, der bayerische Albtraum schlechthin. Jetzt gibt’s die Chance zur Revanche. Achtelfinale dahoam.

Zur Erinnerung: Am 19. Mai 2012 empfing der FC Bayern, damals mit Jupp Heynckes als Trainer, in der Allianz Arena im Finale der Champions League den FC Chelsea aus London. Die Blues hatten in dieser Saison schon die Entlassung von Coach Andre Villas-Boas zu verdauen, in der Premier League reichte es nur zu Platz sechs. Es war also alles angerichtet für den bayerischen Sturm auf Europas Thron.

Im Fußball kommt es aber öfter ganz anders, als man vorab denkt. So auch an diesem Abend: Der FC Bayern war die klar bessere Mannschaft, traf das Tor aber nicht. Die Statistiker sollten später 35:9 Schüsse und 20:1 Ecken aus Sicht der Münchner erfasst haben. In Minute 83 schien Thomas Müller sein Team mit einem Kopfballtor zum 1:0 erlöst zu haben. Didier Drogba machte aber aus dem Nichts den Ausgleich (88.). In der Verlängerung verschoss Arjen Robben einen Strafstoß, die Entscheidung musste im Elfmeterschießen fallen. Ivica Olic und Bastian Schweinsteiger scheiterten, Drogba verwandelte entscheidend. Blau jubelte in der roten Arena. Ein Dolchstoß ins Herz der Bayern.

Müller sagte gestern mit Blick auf 2012: „Ich erinnere mich zwar, aber ich glaube, das hat mit dem Spiel im Achtelfinale nicht viel zu tun – außer dass die Mannschaften dieselben sind.“ Der 30-Jährige richtet den Blick viel lieber auf das aktuelle Geschehen. „Wir sind relativ selbstbewusst und ich fühle mich mit dem Los sehr gut“, sagte Müller und fügte pflichtbewusst hinzu: „Natürlich hat Chelsea auch Spieler, die uns weh tun können.“ Wen er denn damit genau meine, wurde er gefragt. „Unter anderem Callum Hudson-Odoi und Christian Pulisic“, antwortete Müller. Zur Erinnerung: Sportdirektor Hasan Salihamidzic hatte monatelang recht offensiv um Hudson-Odoi geworben – und soll sich damit den Zorn von Chelsea-Chefin Marina Granovskaia eingehandelt haben. Zu Gesprächen zwischen den Clubs kam es deshalb erst gar nicht.

Müller jedenfalls ist sich seiner Sache sicher: „Das gute Gefühl fürs Achtelfinale ist darin begründet, dass wir uns als Mannschaft in den letzten Wochen sehr wohlfühlen.“ Zweifelsfrei ein Verdienst von der bisherigen Übergangslösung Flick. Und der stellte klar: „Ich mache mir noch keine Gedanken über irgendeinen Chelsea-Spieler.“ Aktuell sei für ihn das Bundesligaspiel am Mittwoch in Freiburg wichtig, „in meinem Kopf geht es gerade um die“, meinte er. Da dürfte es einigen Bayern-Fans seit gestern um 12.18 Uhr ganz anders gehen.

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