In der Fußball-Bundesliga gibt es sehr viele einflussreiche Männer, Stefan Müller-Römer aber zählt man eher nicht zu ihnen. Er, ein Jurist, sitzt dem Mitgliederrat des 1. FC Köln vor, einem kleinen Zwölf-Mann-Gremium. Es könnte nun jedoch sein, dass man sich mit ihm bald auch in China beschäftigt. Denn Müller-Römer hat sich vor zwei Tagen getraut zu sagen, was auch in der Bundesliga jeder weiß (oder zumindest wissen sollte), aber fast keiner anzusprechen wagt. In China, sagte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, werde „ein totaler Überwachungsstaat aufgebaut, wie ihn sich George Orwell nicht schlimmer hätte ausdenken können“.
Wer an dieser Einschätzung tatsächlich zweifeln sollte, der musste gestern nur einmal kurz Mesut Özil googeln. Der Fußballer des FC Arsenal hat gerade erst auf die Verfolgung der Uiguren in China hingewiesen – und ist nun einfach aus der chinesischen Version der beliebten Fußballsimulation „Pro Evolution Soccer“ gelöscht worden. Besser hätte man Müller-Römer kaum bestätigen können.
Der Weltsport ist seit vielen Jahren fasziniert von China oder, um präzise zu sein, von dem Geld, das sich auf dem chinesischen Markt verdienen lässt. Sportler und Sportvereine, die ihre Gewinne steigern wollen, gehen dorthin. Und Sportler und Sportvereine, die staatliche Überwachung und Unterdrückung eigentlich ablehnen, gehen auch hin. Manchmal führt dieser Widerspruch aber zu Konflikten. Als der NBA-Manager Daryl Morey sich mit den Demonstranten in Hongkong solidarisierte, tadelte ihn unter anderem LeBron James, der gerne Polizeigewalt und Rassismus anprangert, im Fall China aber eigene Interessen priorisierte. Als Mesut Özil über die Uiguren redete, distanzierte sich der FC Arsenal ausgerechnet auf dem chinesischen Mikroblogging-Dienst „Weibo“ davon. Als Stefan Müller-Römer auf Orwell verwies, stempelte der 1. FC Köln das sofort als „seine private Meinung“ ab. Und natürlich muss man davon ausgehen, dass der FC Bayern, sollte sich einer seiner Stars mal ähnlich äußern, die Gegenrede ruckzuck online stellen wird.
Es ist mit dem Wissen der Vergangenheit natürlich naiv zu erwarten, dass der Weltsport, wenn man ihm mit Geldscheinen zuwedelt, auf so etwas wie Moral und Anstand beharrt. Und trotzdem ist es immer wieder bitter zu beobachten, dass die Sportler und Sportvereine, diese großen Vorbilder der Jugend, einfach einknicken – weil ihnen Geld doch wichtiger ist als Menschenrechte.
christopher.meltzer@ovb.net