Der Nübel-Transfer

Ein Deal, den Bayern machen musste

von Redaktion

CHRISTOPHER MELTZER

Am Sonntag hat der FC Schalke vermeldet, dass Alexander Nübel, 23, der vielversprechendste deutsche Torhüter, den Verein im Sommer 2020 verlassen wird. Er soll, so stellte es sich dann schnell heraus, einen Fünf-Jahres-Vertrag beim FC Bayern erhalten.

Am Montag hat der „Kicker“ ein Interview mit Manuel Neuer, den für viele immer noch besten deutschen Torhüter, veröffentlicht. Er sagte darin, dass er sich beim FC Bayern, wo er die Nummer eins ist, wohl fühlt und dort viel vor hat. Und er sagte dann auch, dass er es sich sogar vorstellen kann, auch die Heim-EM 2024 zu spielen.

Wenn man nun die Aussagen von Sonntag und Montag zusammenfügt, stößt man sofort auf einen offensichtlichen Widerspruch: Sollte Neuer tatsächlich bis 2024 mitmischen, wären von Nübels Vertrag ja schon vier Jahre abgelaufen. Wie passt das bitte zusammen?

Es gibt nun gleich mehrere Perspektiven, aus denen man diesen Transfer bewerten muss. Aus der Perspektive des FC Bayern ist das ziemlich leicht. Natürlich hat der Meister dem U21-Nationaltorhüter ein Angebot gemacht, als er erfahren hat, dass dieser zu haben ist – und er dürfte sich gefreut haben, dass zu dem Angebot zwar sehr wahrscheinlich ein ordentliches Handgeld für Nübel und seinen Berater gehört, aber aufgrund des auslaufendes Vertrags auf Schalke eben keine Ablösesumme, die alleine der Markt bestimmt. Die Bayern haben sich also für ein Handgeld auf einer Position abgesichert, für die man im modernen Fußball unverschämt viel Geld (Chelsea zahlte für Kepa 80 Millionen Euro) ausgeben muss.

Aus der Perspektive von Manuel Neuer ist die Bewertung komplizierter. Na gut, er hätte den Bayern schlecht verbieten können, Nübel zu verpflichten. Vielleicht spornt ihn der Zweikampf mit einem richtigen Rivalen (sorry, Sven Ulreich) sogar an. Vielleicht kollidiert der Deal mit Nübel (angeblich haben die Bayern ihm Spielpraxis zugesagt) aber irgendwann mit seinem Selbstverständnis: Es ist kein Geheimnis, dass der ehrgeizige Neuer immer spielen will – sei es in der ersten Runde des DFB-Pokals.

Aus der Perspektive von Alexander Nübel wird es noch komplizierter. Klar, er wird sicher sehr viel Geld verdienen, aber reicht das alleine, wenn man in den kommenden Jahren nur im DFB-Pokal und vielleicht ab und zu in der Liga auflaufen darf? Nein, bestimmt nicht, und deshalb sollte man sich mit seinem Selbstvertrauen beschäftigen. Das scheint ziemlich groß. So groß, dass er selbst vielleicht sogar davon überzeugt ist, dass er es sein wird, der Manuel Neuer, den wohl besten Torhüter der deutschen Fußballgeschichte, überflüssig macht. Mit dieser Einstellung passt Nübel perfekt zum FC Bayern.

In München wissen sie, dass diese neue Torhüterkonstellation kurzfristig ein Risiko für den inneren Frieden sein kann. Aber langfristig betrachtet, war der Deal einfach viel zu gut, um ihn nicht zu machen.

christopher.meltzer@ovb.net

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