Oberstdorf – So ein bisschen hatte sich Ryoyu Kobayashi ja schon vor dem Start dieser 68. Vierschanzentournee festgelegt. Doch, den zweiten Grand Slam in Folge habe er schon im Hinterkopf, sagte der japanische Ausnahme-Flieger am Freitag. Und ließ gestern mit fast schon beängstigender Selbstverständlichkeit Taten folgen.
Zum fünften Mal in Folge erklangen bei der Vierschanzentournee die Töne der Hymne Japans. Klappt es am Neujahrstag in Garmisch-Partenkirchen zum sechsten Mal, dann hat Kobayashi seinen ersten Tournee-Rekord in der Tasche. Sechs Siege in Folge gab es in 67 Auflagen des Turniers noch nie.
Stefan Horngacher will daran noch nicht denken. „Auch ein Kobayashi macht Fehler“, winkte der deutsche Bundestrainer ab. Ein anderer Mann, der dem Überflieger dieser Tage deutlich näher steht, will mit dessen Schwächeln lieber nicht rechnen. Markus Neitzel, ein evangelischer Pastor aus Hüttenberg, der Kobayashi seit dem Vorjahr als Übersetzer begleitet, hat eine Entwicklung bei seinem Schützling aus der Provinz Iwate festgestellt. „Er ist gereift in diesem Jahr“, sagte er, „ein richtiger Profi.“
Was nach außen hin freilich schwer nachvollziehbar ist. Der Mann mit der besonderen Vorliebe für schnelle Autos gab schon im Vorjahr wenig preis. Und er zeigte sich auch bei der Rückkehr nach Oberstdorf von seiner wortkargen Seite. Beispiel: Was ihm der Sieg in Oberstdorf nun bedeute? „Ich freue mich, dass ich zwei gute Sprünge gemacht habe.“ Typisch japanisch, so sagt Neitzel, der insgesamt 13 Jahre seines Lebens in Japan verbrachte.
Auf der Schanze? Dort zeigte Kobayashi immerhin gestern schon wieder die Qualitäten, mit denen er die Konkurrenz im Vorjahr entnervt hatte. Keiner im Weltcup ist in der Lage so schnell in die Flugphase zu kommen. Wo andere noch hart arbeiten, da ist er längst am Gleiten. „Wenn er das gut erwischt, dann ist er extrem gefährlich“, so hat auch Karl Geiger beobachtet, „dann ist er in einem anderen Stockwerk unterwegs.“ rp