„Der Karl wird da sein“

von Redaktion

Geiger landet beim Tourneeauftakt in Oberstdorf nur hinter Kobayashi

VON PATRICK REICHELT

Oberstdorf – Das Ausmaß von Karl Geigers Erleichterung war vermutlich noch im fernen Kempten zu hören. Der derzeit beste Skispringer brüllte, was seine Lungen so hergaben, als er zum zweiten Mal durch die völlig losgelöste Arena am Schattenberg schlitterte. Bis auf 134 Meter war er in diesem Finale gesegelt. Weiter als alle anderen vor ihm. Und weil nur noch ein Mann oben stand, war damit schon klar: Der Mann, der die deutschen Vierschanzentournee-Hoffnungen nach Oberstdorf gebracht hat, wird sie auch nach Garmisch-Partenkirchen weitertragen. „Brutal geil“, fand er das selbst.

Da war es auch zu verschmerzen, dass ein anderer dem Lokalmatador den ganz großen Coup noch vermasselte. Ryoyu Kobayashi hatte im ersten Durchgang mit einem, beängstigend an seine Demonstrationen des Vorjahres erinnernden 138-Meter-Flug schon so viel Distanz zwischen sich und seine Verfolger gelegt, dass ihm 134 Meter zu seinem fünften Tagessieg bei der Tournee in Folge reichten. Gut fünf Meter Vorsprung nimmt der Japaner aus dem Allgäu mit. „Seine Sprünge waren erste Sahne“, schwärmte Geiger.

Bundestrainer Stefan Horngacher gab sich kämpferischer. „Wir haben erstmal einen Mann auf dem Podium“, sagte der Österreicher, „und wenn Kobayashi bei dieser Tournee einen Fehler macht, dann wird der Karl da sein.“

Dabei hatte es vor den 25500 Zuschauern in der wieder einmal ausverkauften Oberstdorfer Arena lange so ausgesehen, als könnte das DSV-Team sogar zwei heiße Eisen für die Tournee-Wertung nach Partenkirchen mitnehmen. Denn Markus Eisenbichler hatte den starken Eindruck aus der Qualifikation mit 134 Metern auch in den Wettkampf gebracht. Doch 123,5 Meter ließen den Siegsdorfer noch auf Platz elf abrutschen – wahrscheinlich zu wenig, um bei der Tournee noch auf den ganz großen Kuchen zu hoffen. Die Freude danach galt dementsprechend auch mehr dem Zimmerkumpel, den er auch als erster entschlossen herzte. „Megakrass, dass der Karl hier Zweiter geworden ist“, schwärmte Eisenbichler, „das wird uns alle entspannen und wir werden alles tun, ihm zu helfen.“

Immerhin: Eisenbichlers aufsteigende Form, wie auch die Plätze 12 und 13 für Pius Paschke (132,5, 132,5 m) und Stephan Leyhe (124, 133 m) lassen erahnen: Mit dem in dieser Saison bislang schwächelnden deutschen Team könnte tatsächlich schon bei dieser Vierschanzentournee wieder zu rechnen sein.

Gleiches gilt natürlich auch für Stefan Kraft. Der Qualifikationssieger ließ sich mit 132 Metern im Finale zwar vom Polen Dawid Kubacki (132/133 m) noch vom Siegerpodest schubsen. Doch knapp acht Meter Rückstand halten Österreichs Nummer eins noch alle Optionen offen.

Was Kamil Stoch nur zu gerne auch von sich behaupten würde. Doch der Pole, der Sven Hannawald vor zwei Jahren mit seinem Tournee-Grand-Slam die Alleinstellung geraubt hatte, wollte diesmal so gar keinen Frieden mit der ersten Tourneestation schließen. 124,5 und 130,5 Meter reichten am Ende nur zu einem überschaubaren 19. Platz. Gut 21 Meter Rückstand auf den japanischen Überflieger Kobayashi haben eine klare Botschaft: Den dritten Griff nach dem, neun Kilo schweren goldenen Tourneeadler wird Stoch auf 2021 vertagen müssen.

Für Geiger könnte es mit seiner Premiere durchaus schon vorher klappen. Dass er mit Ryoyu Kobayashi einen mächtigen Gegner hat, stört ihn nicht: „Der muss das auch erstmal rüberbringen.“ Na eben.

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