KOMMENTAR
Man wollte seinen Augen kaum trauen. Es war so, als ob Laura Dahlmeier ihre Karriere nie beendet hätte. Flinken Schrittes lief sie zeitweise vorne weg, räumte 39 von 40 Scheiben ab. Am Ende spendeten 46 412 Zuschauer stehende Ovationen. Dabei war die Garmisch-Partenkirchnerin – mehr oder weniger – nur als Hobbyläuferin ins beschneite Gelsenkirchner Fußballstadion gekommen. Doch selbst nur mit minimalem Training gelang es der Ruheständlerin, ein letztes Mal in Erinnerung zu rufen, was für eine großartige Biathletin sie gewesen ist. Bei ihrem Abschied, der würdiger kaum hätte sein können, wurde sie mit ihrem Partner Vierte. Doch die große Siegerin war Laura Dahlmeier.
Sicher, es war nur ein Showevent. Doch auch in diesem Rahmen wusste Dahlmeier jenen Glanz zu verbreiten, der typisch war für ihre gesamte (leider nur kurze) Karriere. Binnen vier Jahren gewann sie alles, was ihr Sport an Titeln zu bieten hat. In den Annalen stehen zwei Olympiasiege, sieben WM-Goldmedaillen, der Weltcup-Gesamtsieg. Sie habe ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht, betonte Dahlmeier immer wieder. Und selten hat man eine Biathletin leidenschaftlicher erlebt als sie. Bei der WM 2017 in Hochfilzen, wo sie fünfmal Gold eroberte (Weltrekord), kämpfte sie sich an ihre körperlichen Grenzen, erlitt zwei Schwächeanfälle – und erbrachte schon an den folgenden Tagen Topleistungen.
Laura Dahlmeier präsentierte sich stets als großer Champion. Aber zugleich blieb sie sich selbst treu. Spätestens bei Olympia in Pyeongchang wurde ihr klar, dass sie mit ihren Erfolgen in einer Welt gelandet war, die nicht die ihre ist. Die passionierte Alpinistin, die sich in abgeschiedener Bergwelt am wohlsten fühlt, empfand die Starrolle stets als Belastung, als Zwangsjacke. Weswegen sie radikale Konsequenz zog, sich vom Leistungssport verabschiedete und die Freiheit wählte, künftig ein ganz normales Leben – ohne Biathlon – zu führen.
Laura Dahlmeier gebührt dafür höchster Respekt. Auch wenn ihr Finale in Gelsenkirchen deutlich machte: Sie wird den Fans, dem Biathlon, dem deutschen Sport sehr fehlen.