Als es zum ersten Mal so richtig ernst wurde, war es bei der Vierschanzentournee also doch so wie (gefühlt) fast immer. Egal was die Konkurrenz auch anstellte – am Ende flog Ryoyu Kobayashi allen auf und davon. Fünf Meter legte er in Oberstdorf schon wieder zwischen sich und seinen schärfsten Verfolger Karl Geiger. Keine Frage: Er setzt Maßstäbe, der Mann aus Hachimantai. Die Tournee, ja, das ganze Skispringen spricht japanisch.
Zumindest die Älteren unter uns mögen sich erinnern: So etwas gab es schon. 1972 spielte Yukio Kasaya mit der Weltklasse Katz und Maus. Drei Tourneespringen gewann der damals 29-Jährige mit ähnlich erdrückender Überlegenheit. Bis ihm ausgerechnet die gestrenge japanische Teamführung den Schritt in die Geschichtsbücher des Turniers vermasselte. Kasaya und Kollegen wurden zur Vorbereitung auf Olympia in Sapporo in die Heimat zurückbeordert. Dem Mann von der Wintersportinsel Hokkaido blieb die kleine Genugtuung, eine Tradition mitbegründet zu haben. Kasaya sind auch bei der Vierschanzentournee immer wieder feine Flieger gefolgt. Dauerbrenner Noriaki Kasai ist so einer. Oder natürlich Kazuyoshi Funaki, der 1997/98 als erster Japaner das deutsch-österreichische Turnier gewann. Und nun also Ryoyu Kobayashi, bei dem sicher niemand mehr überraschen würde, wenn er mit seinen 23 Jahren am Dreikönigstag gleich zum zweiten Mal das vollbringen würde, was Kasaya 1972 versagt geblieben war: Einen Vierfachsieg bei der Tournee.
Dass das so ist, hat sicher auch damit zu tun, dass Kobayashi in einer anderen Zeit geboren wurde. Der Überflieger mag in seinen Verhaltensweisen, dem steten Lächeln und den einsilbigen Antworten, an seine Vorgänger erinnern. Doch Ryoyu Kobayashi steht für eine neue, modernere japanische Generation. Eine Generation, die – für Kasaya undenkbar – ihr Wissen gegebenenfalls auch aus dem Ausland bezieht. Kobayashi ließ sich vom Finnen Janne Väätäinen in die Weltklasse führen. Heute übt der Athlet, der in Partenkirchen mit dem sechsten Sieg in Folge schon einen ersten Rekord aufstellen könnte, mit dem Österreicher Richard Schallert. Und Ryoyu Kobayashi ist ein Mann, der sich auch nicht scheut, seine eigenen Wege zu gehen. So wie an den Weihnachtstagen, als er statt zum Training in die Heimat lieber zum Bummeln nach Paris jettete. Als es richtig ernst wurde, war ja auch wieder voll da.
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