Geiger bittet zum Duell

von Redaktion

Vierschanzentournee könnte zum Zweikampf mit Ryoyu Kobayashi werden

VON PATRICK REICHELT

Oberstdorf – Natürlich musste auch Lucia schwer schlucken. Der 15-Jährigen machte der große Moment schwer zu schaffen, als sie die gläserne Trophäe ihres Bruders Karl Geiger in Richtung Siegerpodest trug. Vom neuen deutschen Überflieger hatten die Emotionen da ohnehin schon längst Besitz ergriffen. „Das waren unglaubliche Momente“, schwärmte er noch am Tag danach.

So oft schon hatte der 26-jährige Oberstdorfer seine Heimanlage schwer geschlagen verlassen. Dass es diesmal anders kam, nötigte auch Bundestrainer Stefan Horngacher tiefen Respekt ab. „Ein Wettbewerb zu Hause ist im Skispringen wahnsinnig schwierig“, sagte der 50-Jährige, „das Karl hat das toll gemacht. Seine Sprünge waren nahe an sehr gut.“

Da konnte es die tiefe Zufriedenheit auch nicht trüben, dass nahe an sehr gut an diesem Tag noch nicht gut genug für den ganz großen Coup war. Was der Japaner Ryoyu Kobayashi zum Auftakt der 68. Vierschanzentournee bot, das hatte schon wieder ziemlich viel von seinen Skisprung-Demonstrationen des Vorjahres. „Mit ihm müssen wir leben“, sagte Horngacher Schulter zuckend, „aber auch er ist nicht unschlagbar.“

Und auch wenn der Weg nach Bischofshofen noch weit ist – irgendwie hinterließ der Auftakt am Schattenberg den Eindruck: Karl Geiger ist der Mann, der dem Japaner in diesen Tagen am ehesten gefährlich werden kann. Wohl auch deshalb, weil er seinen Weg gefunden hat, den Tournee-Trubel auszublenden. „Der Karl ist einer, der in sich selbst versinkt“, sagte Zimmerkumpel Markus Eisenbichler. 50 Prozent des Erfolges bei dem Traditionsturnier, so sagen die Springer selbst gerne, liegen im Kopf.

Allerdings macht auch Geigers Gegenspieler nicht den Eindruck, als ob ihn auf der größten Springerbühne etwas aus der Bahn werfen könnte. Das Selbstbewusstsein, des 23-jährigen Japaners scheint unerschütterlicher denn je. Kobayashi geht unbeirrt seinen eigenen Weg. Das hat er auch vor dem Tourneestart bewiesen. Statt in die Heimat zu fliegen, gönnte er sich an den Weihnachtstagen eine Auszeit in Paris. „Auch nur einen Tag mal nicht zu trainieren ist in Japan eigentlich sehr ungewöhnlich“, sagte Markus Neitzel, der evangelische Pastor, der Kobayashi bei der Tournee als Übersetzer begleitet.

Der Mann weiß halt auch, dass er auf der Schanze auf ein derzeit einmaliges Flugsystem zurückgreifen kann. „Wenn er ihn trifft, dann ist er schon zwei Meter nach dem Tisch in der Flugposition“, sagte der Österreicher Stefan Kraft, der vor dem Wechsel auf seine allerdings wackeligste Tourneeschanze in Garmisch-Partenkirchen auch noch alle Hoffnungen auf den Tourneeadler machen kann.

Karl Geiger kann Kobayashis aggressivem Stil vor allem seine Absprungstärke entgegensetzen. Der vergleichsweise lange Oberstdorfer (1,83 Meter) katapultiert sich wie derzeit wenige in der Szene vom Schanzentisch. Was ihm in dieser Saison in noch nicht gekannter Konstanz gelingt. Stefan Horngacher jedenfalls ist überzeugt, dass sich dies bei dieser Tournee auch nicht ändern wird. Nicht auf der Olympiaschanze in Partenkirchen, die der deutsche Vorzeigespringer nicht zuletzt durch die Trainingslehrgänge bestens kennt. Und schon gar nicht in Innsbruck, wohin Geiger mit den Erinnerungen an eine grandiose Silbermedaille reist, die er im vergangenen Winter bei den Weltmeisterschaften in Tirol einflog. Saison-Überflieger Kobayashi ging dort als Vierter bekanntlich leer aus. „Wenn Karl in Form ist“, betonte der Bundestrainer, „dann ist es eh egal, auf welcher Schanze er springt. Dann kann er jeden schlagen.“

Vielleicht auch Ryoyu Kobashi. Der Mann, der am Neujahrstag in Partenkirchen als erster Springer einen sechsten Tagessieg in Folge feiern will, mag der weltbeste Skispringer sein, so ahnt auch Geiger selbst: „Aber zaubern kann er nicht.“

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