München – Joachim Löw erlebt als Bundestrainer gerade die „schrecklichste Zeit“. Bei aller Vorfreude auf die Fußball-EM im Sommer: Die lange Winterpause der Fußball-Nationalmannschaft nervt den 59-Jährigen. Es gäbe aktuell so viel anzupacken bei seinem Team, das er nach dem WM-Desaster 2018 radikal umgekrempelt hat. „Vier Monate Pause tun unserer jungen Mannschaft gar nicht gut“, sagte Löw, der weiß, dass er beim nächsten Turnier wieder liefern muss. Einen weiteren Vorrunden-K.o. würde ihm auch im DFB wohl niemand mehr verzeihen – trotz eines Vertrags bis zur WM 2022.
Löw würde sich wünschen, schon im Januar und Februar jeweils zwei Länderspiele zu haben: „Die lange Winterpause bedeutet für mich einen Schritt zurück. Wir müssen uns im März wieder neu sortieren, neu beginnen. Das ist natürlich für mich schon ein bisschen ärgerlich.“
Das Länderspieljahr 2020 beginnt für die DFB-Auswahl erst am 26. März mit einem Spiel in Madrid gegen Spanien. Fünf Tage später ist Italien in Nürnberg zu Gast. Die beiden Härtetests sollen einen Fingerzeig im EM-Jahr liefern, welche Rolle das verjüngte deutsche Team bei der Pan-Europa-EM vom 12. Juni bis 12. Juli spielen kann. „Der Favorit sind wir diesmal nicht“, sagte Löw nach der EM-Auslosung Ende November in Bukarest, die Deutschland eine Extremgruppe mit Weltmeister Frankreich, Europameister Portugal sowie einem noch zu ermittelnden Playoff-Gewinner bescherte.
Löw muss ein talentiertes, aber unfertiges Ensemble um die beiden Routiniers Manuel Neuer (33) und Toni Kroos (29) bei dem Lehrgang im März sowie vom 26. Mai an im Trainingslager in Seefeld in kürzester Zeit zu einer funktionstüchtigen Turniermannschaft formen.
Vier Testspiele müssen dafür vor dem EM-Ernstfall am 16. Juni gegen Frankreich ausreichen. „Die wenigen Spiele und die kurze Zeit bis zum Turnier müssen wir nutzen“, sagte Kroos, mit 96 Länderspielen der erfahrenste Akteur. „Wir dürfen in der Vorbereitung kein Prozent liegenlassen“, mahnte auch DFB-Direktor Oliver Bierhoff.
Löw hat in den bislang sechs Länderspielen der EM-Saison 25 Spieler eingesetzt, darunter die Neulinge Robin Koch, Luca Waldschmidt (beide Freiburg), Nadiem Amiri (Leverkusen), Suat Serdar (Schalke) und Niklas Stark (Hertha BSC). Manches war so gewollt, vieles aber auch erzwungen. „Wir waren gebeutelt von wahnsinnig vielen Verletzungen“, klagte Löw. Eine funktionierende Achse konnte sich in der am Ende souveränen EM-Qualifikation mit dem Gruppensieg vor Holland weder bilden noch einspielen. Manuel Neuer im Tor, Joshua Kimmich und Toni Kroos im Mittelfeld, dazu der bei Löw immer spielende und fast immer auch treffende Serge Gnabry im Angriff sind aktuell die EM-Fixpunkte.
Löw muss hoffen, dass Abwehrchef Niklas Süle und Angreifer Leroy Sané nach Kreuzbandrissen rechtzeitig fit werden. Oder dass ein Timo Werner im DFB-Trikot so wertvoll wird, wie es der beste deutsche Bundesliga-Torschütze (18 Treffer) im Trikot von RB Leipzig ist.
„Die Mannschaft, die wir haben, ist hochtalentiert. Spieler wie Gnabry, Kimmich, Goretzka oder Werner sind aber noch nicht am Limit. Sie sind noch sehr jung“, gab Löw zu bedenken. Er vergleicht sein aktuelles Team immer wieder mit jenem vor der WM 2010 um die Turnierneulinge Boateng, Khedira, Kroos, Müller, Neuer und Özil, das bis zum WM-Triumph 2014 in Brasilien auch länger reifen musste.
Seine Zukunft als Bundestrainer macht Löw, der am 3. Februar 60 wird, auch von der weiteren Entwicklung der Nationalelf abhängig. „Als Trainer verfolge, beachte und durchdenke ich auch die Entwicklungsschritte einer Mannschaft. Der nächste Gedanke geht für mich bis zur EM. Darüber hinaus denke ich nicht“, sagte Löw, auch wenn sein aktueller Bundestrainer-Vertrag bis zur nächsten WM Ende 2022 läuft.
Ewig will Löw nicht Coach sein. „Trainer mit 70? Das halte ich für undenkbar“, sagte er. dpa