München – Er war einst selbst einer der besten Handballer Torhüter der Welt. Und natürlich ist Hennig Fritz seinem Sport auch heute noch eng verbunden. Seinen Erben traut er bei heute beginnenden EM einiges zu, wie er im Interview erklärte.
Herr Fritz, im deutschen EM-Kader taucht zum ersten Mal seit 2015 wieder der Name Jogi Bitter auf. Das weckt Erinnerungen…
Ja, natürlich. Die WM 2007, das Wechselbad der Gefühle im Finale, als ich verletzt ausgeschieden bin. Als das Spiel zu kippen drohte. Jogi Bitter ist ins Spiel gekommen und hat Gottseidank ins Spiel gefunden und mit einer Klasseleistung den Sieg für uns festgehalten. Das war für ihn ja nicht einfach. Er hat vorher nicht viel gespielt und mir trotzdem die ganze Zeit den Rücken gestärkt. Wie er dann reingekommen ist und mit Leistung geglänzt hat, das spricht absolut für ihn. Ich denke, das ist auch ein Argument für den Bundestrainer, sich jetzt für Jogi Bitter zu entscheiden. Zumal er niemandem etwas beweisen muss. Er hat alles gewonnen.
Der perfekte zweite Mann also?
Wenn er es denn ist, aber ich gehe mal davon aus, dass Andreas Wolff als erster Torhüter ins Turnier geht. Es spielt schon eine Rolle, ob man einen Torwart-Partner hat, der sich unbedingt beweisen will oder ob es einer ist, der nicht den Druck hat, unbedingt spielen zu müssen. Der um seine Rolle weiß, dem anderen Torhüter den Rücken frei zu halten und doch da zu sein, wenn er gebraucht wird.
Ist er auch ein Mann für die Kabine?
In der Kabine sind die Sachen eigentlich schon gegessen. Es geht um die ganze Zeit, die man in so einem Turnier miteinander verbringt. Im Training, im Hotel, auf dem Weg zum Spiel – da ist es gut, wenn man einen hat, der Ruhe ausstrahlt. Da muss nichts ausgesprochen werden, das sind Dinge, die man einfach übernimmt.
Könnte das bei der EM umso wichtiger werden, als Führungsfiguren wie Steffen Weinhold fehlen?
Dass Steffen oder auch Fabien Wieder fehlen, ist schon ein herber Rückschlag. Die beiden haben die Mannschaft schon geführt. Aber das heißt nicht, dass nicht andere in die Rolle schlüpfen können. Beide Torhüter sind erfahren, die können das. Von den Feldspielern könnte ein Paul Drux so eine Rolle übernehmen, oder Fabian Böhm, der auch in Hannover eine Führungsrolle hat. Ein Reichmann. Das muss man sehen. So etwas entwickelt sich manchmal auch. Gerade wenn Spieler fehlen und andere in die Rolle reinwachsen. Das ist ja auch das Spannende. Bei der EM 2016 war auch nicht unbedingt damit zu rechnen, dass ein Steffen Fäth so eine Führungsrolle übernimmt. Dass ein Kühn oder Häfner so einen Part spielen, die praktisch von der Couch gekommen sind.
Am Ende stand der Titel…
Ja, auch weil die Mannschaft es geschafft hat, gegen wechselnde Abwehrformationen immer neue Lösungen zu finden. Darauf zum Beispiel wird es auch diesmal ankommen.
Verbands-Präsident Andreas Michelmann gab eine Medaille als Ziel aus. Zurecht?
Ich habe jetzt gesagt, das Ziel ist das Halbfinale (lacht). Aber wenn du im Halbfinale stehst, dann willst du natürlich eine Medaille haben. Im Ernst: Das Halbfinale sollte für eine deutsche Mannschaft immer das Ziel sein, egal in welcher Konstellation. Das ist auch realistisch. Und dann kommt es auf viele Kleinigkeiten an. Gelingt es, von allen Positionen gefährlich zu sein, die Fehlerquote gering zu halten? Wachsen Spieler über sich hinaus? Gelingt es dem Trainer und der Mannschaft wieder ein Gefühl für das Turnier zu entwickeln. Wir hatten vorher das Beispiel von Jogi Bitter. Dem wäre es nicht gelungen, solche Leistungen zu bringen, wenn er sich 2007 in der Gruppe nicht wohlgefühlt hätte. Auch das ist eine Kunst.
Die Spieler kommen aus einem stressigen Ligabetrieb in ein stressiges Turnier. Das nun Reisen durch bis zu drei Länder mit sich bringt. Nachvollziehbar?
Naja, es geht um einen Markt, den man immer vergrößern will. Als Spieler musst du es eh nehmen, wie es kommt. Allerdings: Ob ich jetzt innerhalb eines Landes vielleicht eine Stunde fliege oder von Norwegen nach Wien zwei Stunden, das macht für mich jetzt auch nicht so den Unterschied, Entscheidender ist: Du hast in kurzer Zeit wahnsinnig viele Spiele. Die große Kunst ist, Wege zu finden, um möglichst schnell zu regenerieren. Das war bei uns noch krasser: Wir hatten 2004 in zehn Tagen acht Spiele. Da bist du nie zur Ruhe gekommen. Du kommst zufrieden vom Spiel, kuckst das Video vom nächsten Gegner und fährst die Systeme wieder hoch. Das zehrt unglaublich.
Das hinterlässt Spuren, wie sie selbst erfahren mussten. Sie litten an einem Burnout.
In der Zeit zwischen 2002 und 2004 habe ich viele Spielanteile bekommen. Da habe ich am eigenen Leib gespürt, dass Leistung irgendwann nicht mehr abzurufen war. 2005 ging es leistungsmäßig bergab. Dann habe ich noch die Ehrung zum Welthandballer bekommen, als erster Torwart. Fast im gleichen Zuge war Leistung nicht mehr abzurufen. Das ist als Sportler natürlich eine Katastrophe, wenn du nicht weißt, woher es kommt. Da fängt der Kopf an zu überlegen, was da los ist und die Spirale geht noch weiter nach unten. Ich war relativ hilflos.
Ihnen half eine speziell modulierte Musik.
Ja genau, über diese Musik, bin ich zu besserem Schlaf gekommen. Über den Schlaf zu mehr Leistungsfähigkeit, zu mehr Erholung. Kreativität, die ja auch im Tor dazu gehört. Leidenschaft, die man auch braucht um eine entsprechende Leistung abrufen zu können. Da war ich unglaublich glücklich, dass ich eine Technik gefunden habe, die mir zu mehr Leistung verholfen hat. Und das ist auch etwas, womit ich mich heute intensiv beruflich befasse, weil ich denke, dass es dafür einen großen Bedarf gibt. Und nicht nur im Sport, wo Regeneration etwas sehr Messbares ist. Stress gibt es überall in der Gesellschaft. Von der Wirtschaft bis zum Kind in der Schule.
Die Rede ist von ihrer Firma Neuronavi. Was ist die Idee dieser Technik?
Wir stimulieren das vegetative Nervensystem. Einfach erklärt, ist die eine Komponente für Kampf, Flucht und alles was wir in Spannung erledigen müssen verantwortlich. Dieser Teil des Systems ist aktiv, wenn wir schwierige Aufgaben vor uns stehen, die uns anspannen. Wenn das dauerhaft passiert, kommt es irgendwann zu einer Disbalance. Wir stimulieren im Wesentlichen den anderen Teil des Nervensystems, der für Erholung verantwortlich steht und damit für ein Gleichgewicht sorgt.
Wie sind Sie denn damals auf diesen Weg gekommen?
Ich habe vieles ausprobiert. Die Schulmedizin hat Blut abgenommen, die Werte waren gut und damit war ich austherapiert. Ich habe alternative Sachen ausprobiert, die keinen durchschlagenden Erfolg hatten. Erst die frequenzmodulierte Musik hat mir geholfen. kurzfristig schnell zu regenerieren. Es musste ja schnell gehen.
Zumal niemand über ihren Zustand Bescheid wusste.
Als Leistungssportler hast du ja einen gewissen Marktwert. Jeder verbindet ein gewisses Bild von dem Thema und wenn du als Sportler damit in Verbindung gebracht wirst, dann wird dir ja indirekt ein Mangel an Leistungsfähigkeit nachgesagt. Deshalb geht man damit auch´defensiver um. Wobei mir ehrlich gesagt auch erst spät bewusst wurde, dass das in Richtung Burnout geht.
Wer hat sie auf die Idee mit der Musik gebracht?
Das war ein Bekannter. Die Frauen haben miteinander gesprochen und meine Frau hat meine Situation ein bisschen geschildert. Dann wurde ihr gesagt: Wir haben da jemanden, das könnte geanz gut passen. Ich bin hingefahren und habe es ausprobiert. Diese Nacht habe ich wenig geschlafen, aber ich fühlte mich wacher. Bis dahin musste ich immer viel schlafen, aber der Schlaf war nicht erholsam. Da habe ich gemerkt: da musst du dranbleiben. Das ist dann ein schleichender Prozess. Damals war ich beim THW Kiel nur noch dritter Torwart, weil wegen fehlender Leistung Thierry Omeyer verpflichtet wurde. Das Vertrauen von Heiner Brand hat mir dann sehr geholfen, der mir vor und während der WM 2007 viele Spielanteile gegeben hat.
Brand hat nicht nur ihnen sondern auch der Musik vertraut.
Das stimmt. Wir haben diese Techniken während der ganzen WM mit eingebaut. Der Großteil der Mannschaft hat das angewendet. Da war ich natürlich sehr froh drüber, dass er dem ganzen so offen gegenüber gestanden war. Das Ergebnis kennen wir. Ich bin überzeugt, dass das ganze seinen Beitrag geleistet hat. Auch wenn das schwer messbar ist. Aber für mich war das auch ein Grund, mich nach der Karriere weiter damit zu befassen. Wir haben das Ganze weiter entwickelt.
Was hat sich verändert?
Bei uns ist es damals ein statisches Produkt gewesen. Jetzt ist es ein dynamisches. Etwas, was individuell auf jeden Einzelnen abgestimmt werden kann. Und das ist ja auch sehr wichtig, denn wir sind ja alle Individuen und jeder hat eine andere Situation. Andere Mängel, anderen Bedarf.
Sind Sie denn auch im Handball noch vertreten.
Im Handball habe ich jetzt noch niemanden gefunden, der die Offenheit hat. Was ich sehr schade finde. Gerade für die Nationalmannschaft, die so viele Spiele hat – da kann mir doch nichts Besseres passieren als etwas so einfach anzuwendendes zum Regenerieren. Die Jungs hören eh alle Musik, da könnte man sogar die individuelle Playliste modulieren. Aber ok, die Dinge brauchen ihre Zeit.
Interview: Patrick Reichelt