Eigentlich war in den vergangenen Wochen ja alles wie immer bei der Auswahl des Deutschen Handballbundes. Vor dem Start in die Vorbereitung musste Bundestrainer Christian Prokop vor allem eines: Absagen hinnehmen. Und so manch ein Nein dürfte den 41-Jährigen dann doch stark geschmerzt haben. Gerade Steffen Weinhold, den Kapitän der Europameistermannschaft von 2016, oder WM-Allstar Fabian Wiede hätte Prokop für den anvisierten Weg über die Vorrunde in Trondheim und die Hauptrunde in Wien bis zur ersehnten Finalrunde im Göteborg sicher gerne an Bord gehabt.
Aber so sind nun mal die Realitäten. Die Sportart der Dauerspieler hat rund um Großereignisse schon oft Spitzenkräfte ausgesiebt. Es ist die Kunst für einen Bundestrainer, trotzdem ein schlagkräftiges Team zu basteln. Gegebenenfalls auch während eines Turniers nachzujustieren. So wie es Trainerlegende Heiner Brand gelungen war, der 2007 den unverwüstlichen Christian Schwarzer vom TV-Expertensessel auf die Platte holte und damit einem verunsicherten Ensemble Leben einhauchte. Nicht zu vergessen, die 2016 von Dagur Sigurdsson nachnominierten Julius Kühn und Kai Häfner, die den DHB in Polen prompt zum Europameistertitel warfen.
So gesehen hat Christian Prokop nun natürlich eine weitere Reifeprüfung vor sich. Er muss beweisen, dass er die Mannschaft auch ohne die Begeisterung des Heim-Publikums der vorjährigen Heim-WM durch ein aufreibendes Turnier moderieren kann. Eines ist klar: In der späteren Bewertung wird es keine Rolle spielen, wen der Bundestrainer bei diesen kontinentalen Titelkämpfen nicht ins Rennen schicken konnte. DHB-Präsident Andreas Michelmann, dem neuer Schwung für die Ballwerfer nur zu gelegen käme, erinnerte Prokop dieser Tage an seine Ankündigung, die Nationalmannschaft stetig weiterentwickeln zu wollen. Und nach Platz vier bei der Weltmeisterschaft könne das ja nur „Medaille“ heißen.
So sind sie nun einmal, die Ansprüche, mit denen sich deutsche Nationalmannschaften immer arrangieren müssen. Und sie sind ja auch gerechtfertigt. Deutschland ist ein Handball-Land mit einer schlagkräftigen Liga. Einer Spielklasse, ganz egal ob man sie nun noch als die beste der Welt bezeichnen möchte, mit einem Reservoir an Akteuren bietet, das viele andere Nationaltrainer gerne hätten.
patrick.reichelt@ovb.net