Jürgen Klinsmann wäre nicht Jürgen Klinsmann, wenn er in so einer Situation nicht – Achtung Anglizismus! – vollkommen „relaxed“ bleiben würde. Bitte nicht aufregen, die fehlende Trainerlizenz wird nachgereicht! Sie liegt halt blöderweise im Familienhaus in Kalifornien, knapp 10 000 Kilometer entfernt von Berlin, und die „Debbie“, seine Frau, ist gerade nicht zu Hause. So hat Klinsmann also eine Frist verstreichen lassen und ließ gestern schließlich ausrichten: „Ich habe dem DFB die nötigen Informationen nun zugemailt.“ Ein feiner Schachzug, mehr als zwei Monate, nachdem er sein Engagement bei Hertha BSC begonnen hat.
Ein ehemaliger Bundes- und Bayern-Trainer kann sich so etwas erlauben? Nun ja . . . Eher kann man den kuriosen Fall, der fünf Tage vor dem Rückrundenstart gegen den FC Bayern publik wurde, als weiteres Indiz dafür nehmen, dass der zweifellos sympathische Schwabe nach wie vor in seiner eigenen Welt lebt. Es ist eine Welt, in der es um das Durchsetzen eigener Ansätze geht, um konkrete Vorstellungen und manchmal auch ein wenig Größenwahn. Es ist aber auch eine, in der viel gelacht wird, in der das Miteinander zählt und Teambuilding eine große Rolle spielt. Die Rückrunde wird nun zeigen, ob diese Welt zum dauerkriselnden Hauptstadtverein passt. Macht Klinsi die Hertha zum „big city club“?
Die Ausgangslage ist mäßig. 19 Punkte, Platz zwölf, vier Zähler mehr als Düsseldorf auf dem Relegationsplatz. Das passt noch nicht zu den Ambitionen, die Klinsmann in der Vorbereitung bereitwillig in die Mikrofone posaunte. Er sei ja da bei einem „Megaklub“, ja sogar Teil des „spannendsten Fußball-Projekts in Europa“. Spätestens „in drei Jahren“ will man in die Champions League. Es kursierten Namen wie Mario Götze und Granit Xhaka. Man darf in anderen Dimensionen denken.
Es ist ja nur gut, wenn man sich Ziele steckt. Klinsmann aber spielt mit dem Feuer. Er glaubt an seine Arbeit, muss aber auch wissen, dass ihm seine Worte und Taten auf die Füße fallen können, wenn er scheitert. Was schon jetzt klar ist: Der 55-Jährige und Investor Lars Windhorst haben es geschafft, dass die Hertha in der morgen beginnenden Rückrunde so spannend ist wie selten zuvor. Von wegen arm und sexy! Reich und ambitioniert! Und nun auch mit Trainerlizenz.
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