Tokio – In Tokio werden dieses Jahr Rekorde aufgestellt. Wenn im Sommer die Olympischen Spiele 2020 in die japanische Hauptstadt kommen, wird man Höchstleistungen nicht nur in den Sportarenen finden. Das organisatorische Drumherum, sprich: die Finanzierung der ganzen Veranstaltung, wird ein Novum bringen. Die gesamten Kosten während der Spiele sollen durch private Gelder finanziert werden, also ohne einen Cent aus Steuermitteln. Für die veranschlagten 6,5 Milliarden US-Dollar kommen neben den Exklusivsponsoren des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) sowie Einnahmen aus Ticketing und Merchandise nur private Sponsoren aus Japan auf. 3 Milliarden US-Dollar wurde von diesen Unterstützern eingespielt.
Nie wurden für Olympische Spiele annähernd so hohe Sponsoringeinnahmen erzielt, weder 2008 in Peking, als die Organisatoren auf die Unterstützung chinesischer Staatsbetriebe setzen konnten, noch 2012 in London, wo das geballte Finanzkapital der Welt sitzt. Die horrenden Einnahmen für Tokio sind hervorragende Nachrichten für das Organisationskomitee und das IOC. Denn in Zeiten sinkenden Interesses durch potenziellee Bewerberstädte wird nun verkündet: Olympische Spiele können stattfinden, ohne dass es für die Gesellschaft zwingend richtig teuer wird.
Das Tokioter Organisationskomitee ließ das Spektakel gegenüber inländischen Betrieben als patriotisches Ereignis verkaufen, dass sich niemand entgehen lassen kann. So gelang es sogar, direkte Konkurrenten parallel als Unterstützer zu gewinnen, was bei Olympia bisher unüblich war. In Japan werben nun unter gemeinsamen Banner Erzrivalen aus der Flugbranche (Japan Airlines und All Nippon Airways), dem Sanitärgeschäft (Toto und Lixil) oder dem Finanzsektor (Sumitomo Mitsui und Mizuho). Auf diese Weise sind insgesamt gut 60 Unternehmen zusammengekommen, die jeweils bis zu 100 Millionen US-Dollar für das Sponsoring ausgeben.
Dabei entspricht die oft wiederholte Behauptung, die Spiele finden ohne Zugriff auf Steuergelder statt, nicht ganz der Realität. Bei ihrer Rechnung konzentrieren sich die Organisatoren auf während der Spiele anfallende Posten wie Strom und Catering. Sämtliche Bauprojekte, vom Olympiastadion über die Schwimmhalle bis zum olympischen Dorf, werden ausgeklammert. Diese sind laut Plan noch einmal so teuer wie die operativen Kosten. Nach einer Schätzung einer Budgetkommission der Tokioter Metropolregierung könnten die Kosten am Ende aber zwischen 20 und 30 Milliarden US-Dollar liegen – also vier- bis fünfmal so hoch wie das, was angeblich ohne Steuergelder finanziert wird. Und alles, was jenseits des Plans liegt, muss laut Ausrichtervertrag zwingend durch die Gastgeberstadt getragen werden.
Nicht nur an dieser Stelle hinkt die Tokioter Story von Olympia. Auch die viel zitierten olympischen Werte sind nicht überall wiederzuerkennen. Zur Erinnerung: Die IOC-Charta spricht in Absatz 1 vom „erzieherischen Wert des guten Beispiels“ und der „Achtung universell gültiger Prinzipien.“ Viele Sponsoren fielen zuletzt freilich durch anderes Verhalten auf. Der Nudelhersteller Nissin sah sich Anfang 2019 mit Rassismusvorwürfen konfrontiert, nachdem er für einen animierten Werbespot die dunkelhäutige Tennisspielerin Naomi Osaka lieber als hellhäutig darstellte. Der Transportkonzern Yamato und der Elektrohersteller Mitsubishi Electric flogen mit Betrugsskandalen auf. Die Großbanken Sumitomo Mitsui und Mizuho liehen Geld an Mafiagruppen.
Auf die Frage, ob man mal einen Sponsor abgelehnt hätte, weil er nicht zu den Prinzipien passe, heißt es von offizieller nur: dazu könne man nichts sagen.