Wieder im Mittelpunkt

von Redaktion

Die EM-Hauptrunde ist auch Bewährungsprobe für Bundestrainer Prokop

Wien – Christian Prokop befindet sich vor der EM-Hauptrunde im Tunnel. Kein Instagram, kein Facebook, keine Ablenkung von außen – den sozialen Netzwerken hat der Bundestrainer der deutschen Handballer seit geraumer Zeit abgeschworen.

„Bei der EM 2018 war das anders und da hat es mich interessiert, was da so im Internet los ist“, sagte Prokop kürzlich in einem Interview: „Ein Lob liest jeder gerne, die Kritik wollte ich verfolgen. Aber am Ende konnte ich mich davon nicht freimachen.“

Die aktuelle digitale Abstinenz des DHB-Coaches ist momentan sicherlich nicht von Nachteil. Denn nach der schwachen EM-Vorrunde des deutschen Teams mehren sich wieder die kritische Stimmen. An einzelnen Spielern, an ganzen Mannschaftsteilen – und am Trainer.

„Man sieht, dass wir Defizite haben, und diese sind nicht unerklärbar“, sagte Prokop vor der heute (20.30 Uhr/ARD) gegen Weißrussland beginnenden Hauptrunde: „Wir haben einige Absagen und müssen im Angriff unter Stresssituationen neue Lösungen finden, neue Leute in Verantwortung bringen.“

Ob das in Wien nun wörtlich zu nehmen ist, steht noch nicht fest. Gestern hielt sich Prokop weiter offen, ob er sein Ensemble verändern wird. „Wenn, dann wird es einen Tausch aus dem 17er-Kader geben“, stellte der 41-Jährige klar. Demnach kann der Flensburger Kreisläufer Johannes Golla zumindest auf seinen Einsatz hoffen. Der 22-Jährige ist seit dem EM-Start als 17. Spieler im deutschen Kader. Spätestens heute um 9.00 Uhr muss der Bundestrainer jene 16 Spieler benennen, die gegen Weißrussland auflaufen. Unabhängig davon forderte er gestern von seinen Spielern mehr Emotionalität, auch um das Publikum hinter sich zu bringen. „Man unterstützt immer gern eine Mannschaft, die fightet und um jeden Ball rennt“, sagte er.

Prokop, der beim DHB noch einen Vertrag bis 2022 besitzt, liegt sicher richtig mit seiner Einschätzung der Lage – und doch wird in der Szene längst auch wieder über ihn debattiert. Seine Auswechslungen und seine Ansprache während der Spiele werden kritisch beäugt.

„Ich erlebe ihn konzentriert und voll fokussiert“, sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning gestern: „Er ist zuversichtlich und glaubt an das Team.“ Ob mit dem Beginn der EM-Hauptrunde auch der Druck für Prokop steige? „Das hat nichts mit dem Trainer zu tun, wir müssen als Mannschaft gewinnen und für Deutschland erfolgreich sein“, sagte Hanning.

Prokops Stand als Bundestrainer ist seit jeher kein leichter. Selbst die rauschhafte Heim-WM mit Platz vier vor einem Jahr konnte die Erinnerungen an sein Premierenturnier 2018 in Kroatien nicht gänzlich verwischen. Jene EM vor zwei Jahren, als Prokop nach einer wenig überzeugenden ersten Turnierphase heftiger Gegenwind entgegenblies. Drei Hauptrundenspiele später hing Prokops Zukunft beim Deutschen Handballbund (DHB) nach Platz neun wochenlang am seidenen Faden. Erst eine Kampfabstimmung in der Verbandsspitze rettete dem Köthener den Job.

Fakt ist: Mit Beginn der EM-Hauptrunde wird auch Prokop wieder mehr in den Fokus rücken. Aller Verletzungen und sonstiger Widrigkeiten zum Trotz wird der Erfolg des 41-Jährigen am Ende am Ergebnis gemessen werden. Auch und gerade von der Verbandsspitze.  sid

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