ZWISCHENTÖNE

Aufstand der Anständigen?

von Redaktion

Ein Schaltjahr wie das aktuelle ist ja, diese leise Kritik an der Schöpfung sei uns verziehen, das Resultat fehlender Präzision. Statt sich binnen 365 Tagen einmal um die Sonne herumzubewegen, benötigt die Erde dafür rund 365 ¼ Tage, und diese kleine Schlamperei muss also alle vier Jahre durch einen zusätzlichen Tag ausgeglichen werden. Dass diese Jahre dann nicht nur den Menschen, die am 29. Februar geboren sind, besondere Freude machen, sondern auch eingefleischten Sportfans, liegt daran, dass immer in Schaltjahren Olympische Sommerspiele ausgetragen werden. Mag Zufall sein, aber passt.

Schließlich wird, wie wir dank nimmermüder Aufklärer wissen, auch im Sport geschlampt, gerade beim Kampf gegen Doping. Manchmal sogar bewusst, wie die ARD gerade am Beispiel der Gewichtheber geschildert hat. Gut beleumundet sind die Schwerathleten nie gewesen, wohl deshalb hat der Weltverbandspräsident die von ihm beauftragte Agentur bei den Proben ganz besonders schlampig arbeiten lassen, um nach außen einen Rest an Reputation zu wahren.

Mit dieser Enthüllung hat das Sport- und Schaltjahr 2020 begonnen. Und zu befürchten ist, dass am Ende manche wünschten, das Jahr hätte nicht 366 statt 365, sondern deutlich weniger Tage gehabt, dann hätte nicht ganz so viel Schmutz aufgedeckt werden können. Olympische Jahre aber sind dafür besonders anfällig, in diesen Tagen soll der Sportgerichtshof CAS sein Urteil über den chinesischen Schwimmer Sun Yang fällen, der nicht erst seit er eine Dopingprobe mit einem Hammer zerstören ließ, auch für seine Konkurrenten ein rotes Tuch ist.

Von einem Aufstand der Anständigen war in dem Zusammenhang die Rede, sollte Sun Yang in Tokio wirklich starten dürfen, wäre das ein weiterer Grund, die Wut endgültig zum Überkochen zu bringen. Reicht ja schon, dass die wegen Staatsdopings ausgeschlossenen Russen ihre Athleten unter neutraler Flagge doch siegen sehen werden, ein Sun Yang würde den olympischen Frieden und die Geduld der sauberen Sportler noch weiter strapazieren. Ein Aufstand der Anständigen? Wäre ja wirklich mal was. Damit das endlich ein Ende hat mit der Schlamperei bis hin zum wissentlichen und vorsätzlichen Betrug.

Wer aber von den Sportlern würde sich so weit aus dem Fenster lehnen? Sich mit gierigen Funktionären, gewissenlosen Trainern, Medizinern und dubiosen Hintermännern anzulegen, hat noch selten gut getan. Blenden wir einfach mal zurück ins Olympia- und Schaltjahr 2000, da wurde mit Dieter Baumann ein absoluter Saubermann vom Leichtathletik-Weltverband für zwei Jahre gesperrt, weil er positiv auf den Wirkstoff Nandrolon getestet worden war. Wie das passieren konnte, ist bis heute ein Rätsel, Baumann, 1992 strahlender Olympiasieger über 5000 m, war ein Held, ein Vorkämpfer im Anti-Doping-Kampf, ein Paradebeispiel an Ehrlichkeit in einer zunehmend verlogenen Sportart.

Hatte er sich zu sehr in die Offensive gewagt, als er beispielsweise nach der Wende die Anstellung von Trainern, die aus dem DDR-Dopingsystem stammten, heftig kritisierte? Sogar für Werner Franke, der als einer der Doping-Aufklärer gilt, war die These, Baumanns Zahnpasta könnte bewusst mit dem verbotenen Mittel verseucht worden sein, gar nicht mal aus der Luft gegriffen: Das sei erwiesenermaßen eine alte Stasimethode. Die nun angewendet worden sein könnte, um einen mundtot zu machen, der das System zu deutlich angeprangert hatte.

Der Nachweis aber, sauber zu sein, ist noch schwieriger als der, gedopt zu haben.

Von Reinhard Hübner

Sportler, die sich zu weit aus dem Fenster lehnen, begeben sich in Gefahr – wie einst Dieter Baumann

Artikel 1 von 11