„Du musst dich neu erfinden“

von Redaktion

Die frühere Skilangläuferin Steffi Böhler über die Herausforderungen im Leben nach der Sportkarriere

Ruhpolding – Steffi Böhler hat eine lange und bewegte Sportlerlaufbahn hinter sich. 18 Jahre lang war sie als Skilangläuferin unterwegs, gewann schon 2006 in Turin Staffel-Silber. Bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi stand sie im Mittelpunkt extrem emotionaler Bilder: Sie hatte eine lebensgefährliche Krebserkrankung überstanden, kehrte in den Sport zurück und errang mit der deutschen Staffel Bronze. Es war ein Moment, in dem bei vielen Tränen flossen. Bundespräsident Joachim Gauck zeichnete Böhler, die ihr Schicksal so eindrucksvoll hatte, mit dem Silbernen Lorbeerblatt aus. Im vergangenen Jahr verabschiedete sich die seit langem in Ruhpolding lebende Schwarzwälderin vom Leistungssport, doch inzwischen trägt sie aber wieder den Skianzug des Deutschen Ski-Verbands (DSV). Allerdings hat sie die Seiten gewechselt. Steffi Böhler, macht ein dreijähriges Volontariat in der Marketing GmbH des DSV mit Schwerpunkt Medien und Öffentlichkeitsarbeit. Wir trafen sie in ihrer neuen Rolle beim Biathlon-Weltcup in Ruhpolding.

Steffi Böhler, Sie haben 2019 Ihre Karriere als Langläuferin beendet. Jetzt sind Sie als Volontärin der Medienabteilung des DSV unterwegs. Wie kam’s dazu?

Ich war nach meinem Karriereende bereit, ein neues Kapitel in meinem Leben aufzuschlagen. Ich wollte einfach etwas anderes machen als bisher. Ich war hungrig nach neuen Gesprächen, fernab vom reinen Leistungssport. Im Frühjahr habe ich zunächst ein Praktikum in einer Firma gemacht, war sieben Wochen im Büro. Am Freitag, „schönes Wochenende“ zu sagen, war etwas ganz neues für mich. Das kennt man im Leistungssport nicht.

Wie war die Umstellung aufs normale Leben?

Der körperliche Unterschied war natürlich krass. Wenn du viele Jahre deinen Körper immer gefordert hast, dein Job die körperliche Leistung war, dann geht es nicht, dass du das einfach aufs Geistige überträgst.

Bleibt man nach der Karriere nicht doch immer auch noch ein wenig Sportlerin?

Ich versuche natürlich abzutrainieren, ich will den Körper nicht einfach absacken lassen. Und wenn ich dann rausgehe, um Sport zu machen, nehme ich alles viel intensiver wahr. Ich mache jetzt ja alles langsamer, habe nun die Zeit, die Umgebung, in der ich früher auch gelaufen bin, anders wahrzunehmen. Das finde ich total schön.

Wie ist das, wenn man sich vom Leistungssport verabschiedet und quasi einen Neuanfang im Leben macht? Ist einem da nicht bang?

Auf jeden Fall. Viele denken: Jetzt hat sie aufgehört, jetzt hat sie Zeit zu chillen. Aber so ist es nicht. Im Sport hat man immer einen Plan, der für die ganze Gruppe vorgegeben ist. Du weißt immer, wann du wo bist. Auf Lehrgängen, im Training, bei Wettkämpfen. Das ist jetzt plötzlich weg. Das war zunächst schon etwas schwierig.

Weil man das Leben selbst in die Hand nehmen muss?

Ja, du musst dich neu erfinden. Im Endeffekt stehst du da wie ein Abiturient. Du kennst den Berufsalltag nicht, weißt nicht, was auf dich zukommt. Ich wollte andererseits nicht in diesem gleichen, jahrzehntelang erlebten Rhythmus weitermachen und in einen Trainerjob wechseln. Dann wäre ungefähr so, wie ich es lange Zeit hatte. Sicher, ich bin zwar jetzt wieder im Sport – aber auf der anderen Seite. Das ist ein großer Unterschied.

Ist Ihnen das Loslassen schwergefallen?

Gar nicht. Ich habe gemerkt, dass es an der Zeit ist. Gerne hätte ich noch den Start-Weltrekord gebrochen. Ich bin ja 343 Weltcup-Rennen gelaufen. Nur die Finnin Aino-Kaisa Saarinen hat noch elf Rennen mehr. Diesen Weltrekord hätte ich schon gerne geknackt. Aber ich bin ja eh ein Mensch, der auf seine innere Stimme hört. Und somit habe ich aufgehört – ohne Weltrekord.

Was sagt Ihre innere Stimme jetzt?

Dass das, was ich mache, richtig ist. Ich finde es spannend, in einem Team mitzuarbeiten und mich zudem weiterzubilden. Meine Priorität ist, soviel zu lernen, wie möglich ist. Spannend finde ich auch, mitzubekommen, was so hinter den Kulissen alles los ist. Das bekommt man als Sportler gar nicht mit.

Zeichnet sich denn schon ein konkretes Berufsziel ab – oder sind Sie eher noch auf der Suche?

Mir ist wichtig, ein Handwerk zu lernen. Ich glaube, ich bin ein kreativer Mensch, habe Ideen. Mir fehlt aber das Handwerk, das umzusetzen. Aber grundsätzlich bin ich der Meinung: Man sollte immer auf der Suche sein. Das, was ich jetzt mache, ist jetzt ein Weg. Und wo mich der hinführt, werde ich sehen.

Interview: Armin Gibis

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