Wengen – Ehemalige Skirennläufer zieht es oft zurück in den Weltcup, sie tauchen kurz nach ihrem Rücktritt schon wieder auf – als Experte, Trainer oder einfach nur Zuschauer. Marcel Hirscher denkt daran gar nicht. Er kümmert sich um seine kleine Familie in Abtenau und meidet öffentlich Auftritte. Und doch ist er fast so präsent wie in den vergangenen Jahren, als er Österreich regelmäßig Weltcupsiege und Medaillen bescherte.
Das liegt am Mangel an neuen rot-weiß-roten Siegertypen und der Gewissheit, dass die Lücke, die der achtmalige Gesamtweltcupsieger hinterließ, zu groß ist für die erfolgsverwöhnte Skination. Daran ändert auch der überraschende Sieg von Matthias Mayer in der alpinen Kombination am Freitag in Wengen nichts. Wenigstens gehörten vor der Lauberhornabfahrt am Samstag, bei der er nun auch zu den Favoriten zählt, mal ihm die Schlagzeilen – und nicht wieder Hirscher.
Im Land der Berge wird gegrübelt und gehadert. Denn im Moment ist die Schweiz die Nummer eins. Die Eidgenossen führen im Nationencup, bei den Männern ist Österreich sogar nur Vierter, hinter Norwegen und Frankreich.
Für jede andere Nation inklusive der Schweiz ist diese Länderwertung eigentlich kein großes Thema, wenigstens nicht zu diesem Zeitpunkt der Saison. Aber in Österreich beschäftigt sie seit ein paar Tagen die Verantwortlichen und allen voran den Präsidenten.
Peter Schröcksnadel steht seit 30 Jahren an der Spitze des mächtigen nationalen Skiverbandes, und seitdem gab es immer nur einen Sieger im Nationencup: Österreich. Aber nun droht der Verlust dieser Vormachtstellung. Schröcksnadel gibt sich nach außen gelassen. Ein bisschen Konkurrenz sei gut fürs Geschäft, findet er – und verkneift sich den sonst so beliebten Zusatz „und gut für den Tourismus“. Aber beides trifft eben nur zu, wenn die Siege von Nicht-Österreichern die Ausnahme bleiben.
Er selbst tut alles, um seinen Athleten einen Vorteil zu verschaffen. Als Anfang vergangenen Jahres fast schon beschlossene Sache war, die alpine Kombination aus dem Weltcup-Programm zu nehmen, vollzog Schröcksnadel plötzlich eine Kehrtwende. Die Kombination blieb auf Druck des ÖSV-Präsidenten im Programm – und auf sein Betreiben hin wurde auch noch die Startreihenfolge für den zweiten Teil, den Slalom, verändert. Der Beste der Abfahrt darf nun also den Torlauf eröffnen, statt wie bisher als 30. starten zu müssen. Damit sollten die Chancen der Schnellfahrer erhöht werden. In Wengen ging Schröcksnadels Plan auf. Mayer hatte die Abfahrt am Vormittag gewonnen und genoss im Slalom den Vorteil einer guten Piste.
Nach der Nationencup-Diskussion im Nachbarland meldete sich nun auch der Schweizer Ski-Präsident zu Wort und gab zu verstehen, dass die Länderwertung natürlich ein „Prestigeobjekt“ sei. Vor ein paar Jahren waren seine Schweizer viel, viel weiter weg von der Spitze als im Moment die auf hohem Niveau klagenden Österreicher. Dann wurde „alles auf den Kopf gestellt“, sagt Urs Lehmann. Man veränderte Strukturen und holte neue Trainer. Mit Tom Stauffer als neuem Chefcoach ging es langsam aufwärts. „Konsequente Arbeit in allen Disziplinen“ sei der Grund dafür.
Aber sicher nicht allein, denn intensiv trainiert wird auch in Österreich. Stauffers österreichischer Kollege Andreas Puelacher hat eine andere Erklärung: Die Konkurrenz sei „durch das, was sie bei uns gesehen hat, stärker geworden“. Abschauen von den Besten, das gehört nicht nur im Ski-Weltcup zum Geschäft.