Melbourne – In einem Jahr bekam sie mal einen Fahrradhelm geschenkt, wobei sich die Schenkenden nicht mehr so recht daran erinnern können, was sie sich dabei dachten. Es gab Torte vom Turnierdirektor oder Ständchen vom Publikum, und irgendwie gefiel ihr dieses über die Jahre lieb gewonnene Ritual.
Diesmal finden die Australian Open eine Woche später statt als gewohnt, Angelique Kerbers Geburtstag fand also schon vorher statt, doch das hatte auch Vorteile. Das sei schon etwas entspannter, fand sie, abends müsse man nicht auf die Uhr schauen und um 21 Uhr im Hotel sein. Zudem stand früh fest, dass sie nicht vor Dienstag spielen würde, und auch das gab der Feier einen Hauch von Lässigkeit. Aber der Termin von Kerbers erstem Spiel gegen die Qualifikantin Elisabetta Cocciaretto ist aus einem anderen Grund ein Geschenk.
Vergangene Woche hatte Deutschlands beste Spielerin beim Turnier in Adelaide aufgegeben. Seit Wochen quält sie sich mit einer hartnäckigen Muskelverletzung an der Rückseite des linken Oberschenkels herum. Ähnliches war ihr schon bei einem Auftritt zur Jahreswende auf Hawaii passiert. „Das ist nicht die Vorbereitung, die ich gern gehabt hätte“, sagt sie, „aber es ist, wie es ist. Jetzt muss ich damit klarkommen. Du kannst die beste Vorbereitung haben und die erste Runde verlieren und keine gute haben und gewinnen.“
Nun ist es ja so, dass hinter dem ersten großen Turnier des Jahres immer Fragezeichen stehen. Das geht selbst einem wie Roger Federer so, der im Gegensatz zu den meisten Konkurrenten ohne Vorlauf eines einzigen Spiels am ersten Tag startete und vorher sagte, auch aus diesem Grund seien seine Erwartungen diesmal eher klein. Angelique Kerber war in der Vergangenheit vor ihrem ersten Auftritt oft extrem angespannt, und manchmal wurde sie diese Anspannung während des ganzen Turniers nicht mehr los. Kann es also sein, dass die Verletzungsgeschichte ihre Erwartungen diesmal ein wenig reduziert? Ihre Antwort beginnt mit einem Wort, gefolgt von einer langen Pause: „Also . . . jein. Ich werde mir hier nicht die große Erwartung auf die Schultern laden. ich habe ein neues Team, da möchte ich mir auch ein bisschen Zeit lassen und von Runde zu Runde schauen. Es ist ja auch ein besonderes Turnier für mich.“
Seit zwölf Jahren spielt sie in Melbourne, mit dem Triumph 2016 begann ihr bestes Jahr mit einem weiteren Grand Slam Titel, der olympischen Silbermedaille und dem Sprung an die Spitze der Weltrangliste. Nach mittelprächtigen Monaten 2019 geht sie nun mit einer Position auf der Setzliste ins Rennen (18), mit der ihr früh im Turnier starke Gegnerinnen begegnen könnten. Aber das war vor zwei Jahren nicht anders, als sie an Position 21 gesetzt war und bis ins dramatischen Halbfinale mit Simona Halep kam.
Vor einem Jahr saß Rainer Schüttler auf dem Trainerstuhl, doch die Zusammenarbeit endete sieben Monate später. Schüttler ist inzwischen für das deutsche Fed Cup Team verantwortlich, den Trainerjob bei Kerber übernahm vor knapp zwei Monaten Dieter Kindlmann, ehemaliger Tennisprofi wie der Vorgänger. Die ersten Wochen der gemeinsamen Arbeit seien gut gelaufen, findet sie, aber vieles sei natürlich noch neu. Als sie all das erzählt, hört es sich so an, als sehe sie der näheren Zukunft vergleichsweise entspannt entgegen. Kann das wirklich sein? Man wird sehen. Und was die Geschenke betrifft – da gab es diesmal statt Helm oder Torte einen plakativen Glückwunsch als Graffiti auf eine Wand gesprüht. „Happy Birthday, Angie. Love, Melbourne“ stand da in großen Buchstaben. An diesem Anfang gab es nichts auszusetzen, der Rest wird sich zeigen.